Alexander Absenger: Die Nestroy-vergoldete Gouvernante

TV-Tipp für Freitagabend: Alexander Absenger gefiel in „Der Kirschgarten“ am Theater in der Josefstadt als queere Gouvernante und bekam dafür einen Nestroy-Preis. ORF III zeigt die Produktion am 12. März.

von Theresa Steininger, 11. März 2021

Alexander Absenger: Die Nestroy-vergoldete Gouvernante
Alexander Absenger als Charlotta Iwanowna mit Otto Schenk als Firs in einer Szene von „Der Kirschgarten" auf der Bühne des Theaters in der Josefstadt. Foto: Astrid Knie

Eine Handvoll Orientierungsloser an einer Zeitenwende in Tschechows „Kirschgarten“ – und mittendrin eine Gouvernante, die jeglichen Halt verliert. Die Inszenierung von Amélie Niermeyer, die am Theater in der Josefstadt 2019 Premiere hatte, rückt diese Charlotta Iwanowna mehr als andere in den Mittelpunkt, nicht nur, aber auch, indem sie von einem Mann verkörpert wird: Alexander Absenger verpasse der Gouvernante „ein Update als Trans-Person“ und mache „die Verletzlichkeit, aber auch die Energie dieser Figur deutlich, die um ihren Platz in der Gesellschaft mit beeindruckender Würde und Stärke kämpft.“

So beschrieb Nestroy-Jurorin Karin Cerny den Auftritt Absengers in der Version, die „ganz nah“ an den Charakteren „und doch ungemein modern und frisch“ sei und in der „jede noch so kleine Figur an Tiefenschärfe“ gewinne. Absenger bekam auch prompt den Preis für die Darstellung der Besten Nebenrolle zugesprochen.

Otto Schenk nimmt Abschied von der Bühne

Wenn ORF III am 12. März um 22:55 Uhr nun eine Aufzeichnung des „Kirschgartens“ überträgt, kann man sich ein Bild davon machen, wie Niermeyer ein Panoptikum vergangenheitsseliger Modernisierungsverlierer auf die Bühne stellt, während alte und neue Zeit aufeinanderprallen. Anton Tschechows psychologisch vielschichtiges Drama wurde von ihr moderat modernisiert und mit starken Bildern, viel Rhythmus und Musik ausgestattet.

Otto Schenk ist ein Überbleibsel der guten alten Kirschgarten-Zeit. Er ist als gebrechlicher Diener Firs zu sehen. Wie er am Donnerstag in „News“ verkündete, wird es auch sein letzter Auftritt bleiben: „Es war der Abschied.“ Auftritte seien für den 90-Jährigen zuletzt physisch nicht mehr möglich gewesen: „Ich kann ja nicht mehr gehen. Auf der Bühne muss man sich bewegen können, und das kann ich rein physisch nicht mehr. Nur noch hoppeln. In der Rolle hab ich das noch benützen können: durch eine Welt taumeln, die es für mich kaum mehr gibt.“ Lesungen will der grandiose Schauspieler und Publikumsliebling jedoch in Zukunft nicht ausschließen.

Figuren am Rande des Abgrunds

Außerdem spielen Sona MacDonald, Gioia Osthoff, Silvia Meisterle, Raphael von Bargen, Alma Hasun und Claudius von Stolzmann Figuren am Rande des Abgrunds. Eine solche ist auch Gouvernante Charlotta: Ein Kind von Zirkusartisten ohne Halt, das nicht weiß, woher es kommt, wer es eigentlich ist – und das davor zittert, durch den Verkauf des Guts ins Prekariat gerissen zu werden. Die Kritik beschreibt Alexander Absengers Charakterisierung als „Transe ohne Halt“ (Der Standard), er dürfe sich „queer und schrill in einer Frauenrolle austoben“ (Die Presse).

Figur auf der Suche nach sich selbst

Absenger selbst war, „als ich hörte, dass ich die Gouvernante spielen sollte, total überrascht“, wie er im Gespräch mit der BÜHNE beschreibt. „Meine Sorge, dass es eine Travestie-Sache mit Nummerncharakter sein könnte, was mir zu effekthascherisch gewesen wäre, wurde aber gleich im ersten Gespräch von Amélie Niermeyer zerstreut“. Vielmehr war das Konzept der Regisseurin, so Absenger, „dass man diese Figur nicht ganz genau zuordnen kann, eben weil sie laut Tschechow selbst auf der Suche nach sich ist. Sie weiß weder, wo sie herkommt, noch, wohin sie geht. Amélie hat das übersetzt auf eine Figur, die fremd im eigenen Körper ist und nach ihrem Geschlecht sucht. Das fand ich total reizvoll.“

Viel Unterbau im Kirschgarten

Neben all den schwelenden Konflikten des Stücks sei „das extra Futter und Unterbau, das nimmt man als Schauspieler dankbar an.“ Niermeyer habe ihm bei der Gestaltung viel Freiraum gelassen, „sie hat immer gesagt, sie warne mich, wenn es zu sehr Richtung Travestie abgleiten sollte – musste sie aber nicht.“

Gerade, dass in der Vorstellung gar nicht kommentiert wurde, dass hier ein Mann als Gouvernante arbeitete, sondern „ganz normal damit umgegangen wurde“, sieht Absenger als „Signal für einen offenen, empathischen Ansatz: Hier darf jeder so sein, wie er möchte. Das Ideal wäre ja, dass man im Theater gar nicht darüber nachdenkt, warum Männer manche Rollen spielen und Frauen andere – es wäre schön, wenn man diverser dächte.“

Einzig, als mit dem Verkauf des Kirschgartens schließlich ein Bruch geschieht, fällt in einer Szene mit schnellen Umzugswechseln auch jener der Figur auf. „Statt des Kartentricks, der bei Tschechow steht, haben wir uns hier eine Quick-Change-Nummer als Show für die Bewohner überlegt. Dabei werden auch die anderen Figuren bewusst mit dem Geschlechterwechsel konfrontiert. Schön finde ich auch den Dialog mit Firs, dem alten Diener, den Otto Schenk spielt. Hier sieht man: Egal, ob jemand alt oder jung, Mann oder Frau – sie alle haben ein reales Problem, das jeder kennt.“

Als nächstes ist Alexander Absenger als „Vierter Mann“ in „Die Stadt der Blinden“ im Theater in der Josefstadt zu sehen. Im Bild mit Raphael von Bargen als „Dritter Mann“ (links) und Julian Valerio Rehrl als „Fünfter Mann“ (rechts). Foto: Moritz Schell

Flirrender Text

Der Nestroy-Preis, für den er bereits mehrfach nominiert war – einmal für „Kafka“ 2015 als „Bester Nachwuchs“, einmal 2017 für die „Beste Nebenrolle“ in „Die Verdammten“ – „hat mich total gefreut – auch, weil dadurch die Kirschgarten-Produktion an sich mit ihren Intentionen gewürdigt wurde. Sie ist ein gutes Beispiel dafür, wie man sehr nah an Tschechow sein kann und den Text trotzdem ins Hier und Jetzt holt. Sodass er greifbar wird und flirrt.“

„Sie wollen woanders hin – aber wissen nicht, ob das Andere besser ist.“

Alexander Absenger über Figuren, die ihn reizen

Absenger ist seit 2013 im Theater in der Josefstadt engagiert. Zuvor war er in Magdeburg sowie am Theater der Jugend in Wien engagiert. Derzeit probt er für die Premiere der Romanadaption „Der Weg ins Freie“ nach Arthur Schnitzler. „Auch hier liebe ich, dass diese Figur fast auf der Flucht vor etwas ist“, sagt Absenger. „Solch getriebenen Charaktere, die aus Ekel vor der aktuellen Situation wegstreben, mag ich sehr gerne. Sie wollen woanders hin – aber wissen nicht, ob das Andere besser ist.“

Noch sei es aber, einen Tag nach Probenbeginn, sehr früh, etwas über die Arbeit zu erzählen. Das heben wir uns für ein weiteres Interview mit diesem interessanten Darsteller auf. Und freuen uns jetzt schon auf die Ausstrahlung von „Der Kirschgarten“ am Freitag auf ORF III.

Der Kirschgarten

Sendetermin: ORF III, 12. März, 22:55 Uhr – danach 7 Tage in der TV-Thek

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