Pionierin der digitalen Bühne: Pariser Oper holt die Jungen auf die „3e Scène“

Die Pariser Nationaloper hat seit 2015 ein digitales Experimentierfeld für Film, Video und Performance. Mit ihrer „3e Scène“, ihrer dritten Bühne, trotzt sie der Krise und erobert die Jungen.

von Christa Minkin, 1. März 2021

Pionierin der digitalen Bühne: Pariser Oper holt die Jungen auf die „3e Scène“
Pablo Legasa ist Solist im Ballettensemble der Pariser Oper. Für die dritte Bühne tanzt er über den Dächern von Paris zu Satie. Foto: Copyright : OnP / Les Films Pelléas

Das weiße Leintuch hängt wie ein Vorhang von der Decke. Dahinter eine Frau. Wir sehen sie nicht, dürfen sie nicht sehen. Doch wir hören sie singen. Ein Ton zunächst, sanft, schüchtern. Dann fester, mutiger. Die Stimme spielt mit den Tönen, erstaunt, berührt. Die junge Frau, der sie gehört, lebt in einem iranischen Dorf, in dem ihr verboten ist, zu singen.

Der Vorhang hebt sich. Eine junge Frau tritt auf die Bühne. Sie trägt ein bodenlanges Abendkleid, blickt lächelnd in die Kamera, und stimmt den ersten, leisen, satten Ton an. Ihr Name ist Maria Callas. Hunderte haben sich im Dunkel der Logen und Sitzreihen versammelt, um sie singen zu sehen.

Zwei Szenen aus zwei Filmen. Der eine, „Hidden“, versteckt, auf dem Smartphone gedreht. Der andere, „Une Nuit à l‘Opéra“, eine Nacht in der Oper, aus Archivbildern montiert. Der eine vom iranischen Filmemacher Jafar Panahi, der andere vom ukrainischen Regisseur Sergei Loznitsa. Beide erzählen von Frauen und ihrem Gesang. Beide sind für die „3e Scène“ entstanden.

„Une nuit à l’Opéra“ von Sergei Loznitsa wurde aus Archivbildern montiert und ist eine neue Produktion der dritten Bühne der Pariser Nationaloper. Foto: Copyright: OnP/Les Films Pelleas

Tanzende Moleküle auf der dritten Bühne

Diese dritte Bühne der Pariser Nationaloper zeigt seit 2015 – also schon lange bevor das Coronavirus Kulturstätten weltweit dazu zwang, auf das Internet auszuweichen – ein eigens kreiertes, digitales Programm. Etwa 60 Kurzfilme finden sich inzwischen auf der Website. Sie experimentieren mit Video, Animation und Performance und beziehen sich thematisch auf die Oper, das Ballett oder die zwei analogen Bühnen, Palais Garnier und Opéra Bastille.

Die Bezugnahme auf sich selbst ist die einzige Bedingung, die Philippe Martin, künstlerischer Leiter der „3e Scène“, den Kulturschaffenden vorgibt, die er beauftragt. Die so entstandenen Beiträge erzählen etwa von einer dystopischen Roboterwelt, in der nur ein alter Schwarz-Weiß-Film einer Ballett-Tänzerin an die Existenz von Menschen erinnert. Oder sie lassen Moleküle tanzen und lösen das Palais Garnier in bunte Atome auf. Oder sie folgen 24 Kulissenschiebern, die ein meterlanges, eingerolltes Bühnenbild auf ihren Schultern zum Opernhaus tragen – und dabei einem riesigen Tausendfüßler gleichen, der sich durch die Stadt windet.

Publikum locken, das mit Pariser Oper wenig am Hut hat

Die zwei aktuellen Arbeiten, „Hidden“ und „Une Nuit à l‘Opéra“, reihen sich in eine Serie aus vier Kurzfilmen, die Frauen und ihre Stimmen in den Mittelpunkt stellen. Und dabei etwas über das Land und die Gesellschaft erzählen, in dem die Protagonistinnen singen. Sie verhandeln den Stellenwert von Musik und stellen die Dominanz westlicher Kultur infrage.

Zeichner, Fotografinnen, Theatermacher, Autorinnen und Choreografen haben schon Filme für die digitale Bühne gemacht. Darunter Persönlichkeiten wie Fanny Ardant, Bret Easton Ellis oder William Forsythe. Die „3e Scène“ engagiert Kulturschaffende aus allen Sparten, denn sie will ein Publikum anlocken, das mit Oper oder Ballett wenig am Hut hat.

Es gehe deshalb auch immer um die Frage, wo dieses Publikum zu erreichen sei, sagt der künstlerische Leiter Philippe Martin. Dass die Plattform kostenlos und über soziale Medien zugänglich ist, trage viel zu ihrer Sichtbarkeit bei. Der größte Teil des Publikums stoße durch Zufall auf die Filme; am häufigsten via Youtube. Mehr als sechs Millionen Mal wurde insgesamt auf die „3e Scène“ zugegriffen.

Solotänzer Pablo Legasa tanzt für die digitale Plattform der Pariser Oper.

18- bis 34-jährige Zuseherinnen und Zuseher

Das Publikum ist jünger als jenes der analogen Bühnen. Wer in Paris in die Oper oder ins Ballett geht, ist durchschnittlich 47 Jahre alt. Bei der „3e Scène“ sehen in erster Linie die 18- bis 34-Jährigen zu. Und die Hälfte sieht sich die Filme vollständig an. Dass die Leute nicht nach wenigen Sekunden wegklicken, sei „sehr ermutigend“, sagt Martin.

Auch international fällt die Plattform der Pariser Oper auf, etwa in den USA oder Brasilien. Mehr als ein Drittel der Zugriffe erfolgen nicht aus Frankreich. Und während die analogen Bühnen leiden, profitierte die „3e Scène“ davon, dass die Menschen Corona-bedingt zu Hause bleiben mussten. 2020 erreichte sie die höchsten Zugriffszahlen seit ihrem Start.

Besonders viele Clicks, fast 900.000 allein auf Youtube, hat der 6-Minuten-Film des französischen Künstlers Clément Cogitore. Schon 2017 ließ er Tänzerinnen zu den Klängen der Barockoper „Les Indes Galantes“ im Krump-Stil auftreten. Ein expressiver Streetdance, der seine Wurzeln im Hip Hop hat und schließlich auf die analoge Bühne geholt wurde. 2019 inszenierten Cogitore und die Choreografin Bintou Dembélé, die als französische Pionierin des Hip Hop gilt,  die Ballettoper für die Opéra Bastille.

„Les Indes galantes“ hat fast 900.000 Klicks auf dem Youtube-Kanal der Pariser Staatsoper.

Kurzfilm holte neues Publikum in Pariser Oper

Jeden Abend, sagt Martin, kamen damals zehn bis 15 Prozent der Zuschauer zum ersten Mal in die Oper. Weil sie den Kurzfilm online gesehen hatten. Martin sieht das als Zeichen dafür, dass ein digitales Projekt dazu beitragen kann, die Kunst zu demokratisieren. „Leute sehen sich konfrontiert“, sagt er, „ohne danach zu suchen, ohne danach zu fragen, mit einem Kunstwerk, das sie überrascht oder neugierig macht – und vielleicht gibt es dann Leute, die weitergehen, sich fragen, wer Clément Cogitore oder was Krump für ein Tanz ist.“

Geplant war es nicht, dass die Filme der „3e Scène“ auf die analogen Bühnen getragen werden. Sie sei immer als eigene Bühne gedacht gewesen, als Ort der Suche, der Freiheit, des Experimentierens. Auch als Werbung für die zwei Opernhäuser sei sie nicht gedacht. Dazu gebe es das Magazin der Oper, „Octave“, und Formate, die bei klassischen Operngehern beliebt seien; etwa Making-offs oder Interviews mit Regisseurinnen.

Bis zum Sommer zeigt die „3e Scène“ noch drei Filme. Wie es dann weitergeht, steht angesichts der Krise der analogen Bühnen, noch nicht fest. Es ist wahrscheinlich, sagt Martin, dass die digitale Plattform trotz ihres Erfolges mit weniger Mitteln wird auskommen müssen. 600.000 der insgesamt 230 Millionen Euro Gesamtbudget der Pariser Nationaloper standen ihr bisher jährlich zur Verfügung.

Infos

„Hidden“ erscheint am 10. März auf https://www.operadeparis.fr/3e-scene

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