Tanzkollektiv Potpourri bietet der Clubkultur eine Bühne

Vier junge Tänzerinnen erinnern mit Österreichs erstem abendfüllenden House Dance-Stück „4 a.m." an die Kraft, die von Clubs ausgeht. Die BÜHNE hat mit Olivia Mitterhuemer von Potpourri über den Club als sicheren Ort, kulturellen Nährboden und Ventil gesprochen. Die Premiere findet digital statt.

von Julia Schilly, 2. März 2021

Tanzkollektiv Potpourri bietet der Clubkultur eine Bühne
Farah Deen, Tina Rauter, Olivia Mitterhuemer und Cat Jimenez (von oben nach unten) tanzen am 14. April „4 a.m." - Österreichs erstes abendfüllendes House Dance Stück. Foto: Marko Mestrovic

Es wirkt so, als würden die Gesetze der Schwerkraft für Olivia Mitterhuemer ein bisschen weniger gelten. Sieht man ihr und Farah Deen beim Tanzen zu, fühlt man die Leichtigkeit und die Energie, die vom House Dance ausgeht. Es würde einen vielleicht nicht mal erstaunen lassen, wenn die Tänzerinnen irgendwann vom Boden abheben. Die zwei jungen Frauen gründeten bereits 2006 das Tanzkollektiv „Potpourri“, sesshaft in Wien und Salzburg. Nun haben sie Österreichs erste abendfüllende House Dance-Produktion choreographiert.   

Die Premiere im März im Brut beim Imagetanzfestival musste coronabedingt verschoben werden. Das 45-minütige Stück „4 A.M.“ wird nun am 14. April uraufgeführt – selbst wenn es nicht mit Publikum möglich ist. Die vier Tänzerinnen werden im Live-Stream performen. Die Bühne hat mit Mitterhuemer über den hypnotischen Sog von House, die Geschichte des Tanzes und den Club als sicheren Ort gesprochen.  

„Der Körper ‘vertanzt‘ die Musik richtiggehend.“

Olivia Mitterhuemer über tanzen zu House

Woher kommt diese Energie im House Dance, die man schon beim Zusehen spürt?  

House Dance hat einen nach oben gerichteten Groove, man nennt den Groove übrigens „Jack“. Im Körper fühlt sich das beim Tanzen wie ein Gummiball an. Die Betonung ist beim Tanzen also nach oben gerichtet. Der Fokus liegt hingegen stark auf den Füßen. Das bedeutet, dass man eigentlich in einem durchgehenden Flow ist. Man stoppt sehr selten, der Groove geht immer durch den Körper durch und wird von der Musik weitergetrieben. Der Körper „vertanzt“ die Musik richtiggehend. Es ist, als würde man zur Musik schwimmen.  

Wo liegt der Unterschied zwischen House, das sich gerade in Europa stärker etabliert, und Hip Hop Dance, den es schon viel länger gibt?  

House Dance hat zwar Gemeinsamkeiten mit dem Tanzstil Hip Hop, insbesondere in den Ursprüngen der Steps – ist aber die Musik, den Groove und die Ausführung betreffend völlig verschieden. Hip Hop ist von den Bewegungen erdig. Der sogenannte Bounce ist der Grundschritt des Hip Hop Dance. Es wird hauptsächlich im Stehen getanzt, im Gegensatz etwa zu Breaking. Und House ist musikalisch komplett anders: Es ist eine elektronische Musik mit einem monotonen Beat.  

Die Dancecrew Potpourri in Aktion. Am 14. April ab 19:30 Uhr streamen sie live ihr neues Stück „4 a.m.“.

„Die Kultur wurde und wird stark von marginalisierten Gruppen geprägt, die im Club ihr zu Hause gefunden haben und draußen nicht wirklich so akzeptiert wurden bzw. werden, wie sie sind.“

Olivia Mitterhuemer

Mittlerweile werden Bezeichnungen wie Street Dance oder Urban Dance eher vermieden. Wie kam es zu diesem Umdenken bei der Bezeichnung?  

Es ist nicht wirklich korrekt, wenn man unterschiedliche Stile wie Locking, Breaking, Hip Hop oder House unter ein Dach vereint. Diese Frage wurde auch aufgrund der politischen Ereignisse im vergangenen Jahr, mit der Black Lives Matter-Bewegung, verstärkt Thema. Denn diese Kollektivbezeichnung vernebelt den Reichtum: Jeder Tanzstil hat eine eigene Geschichte und eine eigene Kultur.   

Welche Geschichte steckt im House Dance und wer hat ihn „erfunden“?  

Diese Nische ist Anfang der 80er-Jahre in den Clubs in Chicago und New York entstanden. Ende der 80er kam der Tanzstil nach Europa. Mittlerweile gibt es auch eine starke Community in Japan. Die LGBTIQ-Bewegung war von Anfang an sehr präsent. Die Kultur wurde und wird stark von marginalisierten Gruppen geprägt, die im Club ihr zu Hause gefunden haben und draußen nicht wirklich so akzeptiert wurden bzw. werden, wie sie sind.   

Freiheit und Wertfreiheit im Club

Wie nimmst Du die Entwicklung wahr: Wird House gerade noch bekannter? Oder bleibt der Stil in einer Nische?  

Ja, es wird definitiv größer. Bei Potpourri haben wir vor allem in den vergangenen Jahren stark gemerkt, dass es in unserer Bubble einen gewissen Hype gibt. Ich weiß nicht genau, woran es liegt. Vielleicht dauert es einfach einige Zeit, bis eine so junge Kultur ankommt. House ist aber auch ein extrem ästhetischer Tanz, der die Menschen schnell in den Bann zieht. Ich merke auch bei meinen Schülerinnen und Schülern, dass House immer gefragter wird. Das war vor einigen Jahren noch nicht so.  

Aber nun zu eurem Stück „4 A.M.“, das am 14. April via Videostream Premiere feiert. Worum geht es?  

Die Message von unserem Stück hat sich durch Corona noch einmal verstärkt. Die Ursprungsidee war die Freiheit und Wertfreiheit im Club darzustellen. Dadurch, dass die Clubs schon so lange zu sind, bekommt das eine ganz andere Bedeutung. Wir sehen gerade umso mehr, wie wichtig der Club als sicherer Ort und als kulturelle Brutstätte ist. Der Club und die Musik im Club sind für viele Menschen ein Auffangnetz und ein Ventil. Und eine Möglichkeit loszulassen. Die Clubkultur leistet etwas für die Menschen, was jetzt fehlt.  

Das Spiel mit den Kameras

Wie geht es euch damit, am Bildschirm Premiere zu feiern, mit einem Tanzstil, der aus Clubs kommt und von der Gemeinschaft lebt?  

Am Anfang haben wir uns tatsächlich stark gegen einen Livestream gesträubt. Für uns ist es ein Gruppenstück, wir leben von der Energie, die in einem Raum herrscht. Denn wir wollen ja auch tatsächlich dieses Clubfeeling bis zu einem gewissen Teil abstrahiert auf einer Bühne darstellen. Das ist nicht einfach, das auf einem Bildschirm darzustellen.   

Aber wir haben uns entscheiden müssen: Verschieben wir auf den Winter und haben selbst dann keine Gewissheit, ob es stattfinden kann? Oder nehmen wir die Energie, die wir jetzt im Proberaum spüren, und machen eine coole Videoproduktion.  

Erlaubt dieser neue Zugang einen anderen Blick auf die eigene Kunst?  

Absolut. Wir arbeiten mit einem Team mit drei Kameras. Wir mussten vorab überlegen, wie wir die Dramaturgie aufbauen: In welchen Szenen will man das Publikum in welche Perspektive setzen? Wann will man das Geschehen von außen sehen – also eine Frontalkamera verwenden ­– und wann will man vielleicht Teil sein und mitten in die Szene – mit Hilfe eines Close-Ups – geholt werden. Das ist sehr spannend im Prozess. Wir lernen als Choreographinnen extrem viel dazu.  

Und wir haben den Vorteil, dass wir damit die internationale Community einladen können. House Dance ist in Österreich klein. Noch!  

Das Stück ist in Koproduktion mit dem Brut Wien entstanden und die Termine finden in der ARGEKultur Salzburg statt. Das Streaming findet am 14. April ab 19:30 Uhr statt.  

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