Thomas Perle über Vielsprachigkeit auf der Theaterbühne

Interviews fehlt oft der Raum für vertiefende Gedanken. An dieser Stelle gilt daher: eine Frage – und eine ausführliche Antwort.

von Redaktion, 23. Februar 2021

Thomas Perle über Vielsprachigkeit auf der Theaterbühne
Thomas Perles Stück „karpatenflecken" wurde 2019 mit dem Retzhofer Dramapreis ausgezeichnet. Foto: Julia Grevenkamp

Braucht es mehr Vielsprachigkeit im Theater, Thomas Perle?

„Vielsprachig ist unser Alltag immer. Ob in der Straßenbahn, im Bus, beim Vorbeilaufen im öffentlichen Raum, ich höre ständig überall Wortfetzen in anderen Sprachen. Die Diversität unserer Gesellschaft spiegelt sich auch in ihrer Mehrsprachigkeit wider.

Vielleicht habe ich ein besonders sensibles Ohr dafür, da ich mit mehreren Erstsprachen aufgewachsen bin. In Rumänien geboren, die Familie mütter­licherseits deutschstämmig, die väterliche Seite ungarisch, gehört Vielsprachigkeit zu meinem Selbstverständnis. ‚Jede Sprache ist wie ein Augenpaar, mit dem du die Welt ein wenig besser siehst‘, sagte schon meine Urgroßmutter, die an einem kosmopolitischen Flecken Erde am Rande der österreichisch-ungarischen Monarchie geboren wurde. Von diesem Flecken aus spannt sich mein Geschichtspanorama ‚karpatenflecken‘, in dessen Mittelpunkt drei Frauen aus verschiedenen Generationen über politische, geografische und sprachliche Grenzen hinweg durch die Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts getrieben werden. 

„‚Jede Sprache ist wie ein Augenpaar, mit dem du die Welt ein wenig besser siehst‘, sagte schon meine Urgroßmutter.“

Thomas Perle, Autor

Mehrstimmig und mehrsprachig

Ausgehend von der Frage, wie über eine lange Zeit so viele ­verschiedene ­Ethnien mit ihren eigenen Sprachen, Bräuchen und Kulturen friedlich mit­einander nebeneinander irgendwo in den Waldkarpaten leben konnten, entstand eine sprachlich mehrstimmige, mehrsprachige Komposition. Manche Figuren sprechen rumänisch und/oder ungarisch, mit diesen Sprachen soll ­jedoch frei und kunstvoll umgegangen werden. Muttersprachler nicht aus­drücklich erwünscht. Ebenso wird zipserisch/wischaudeutsch gesprochen, ein alt­österreichischer Dialekt, der durch seinen oralen Charakter von sich aus schon wandelbar ist. Mit ihm soll als Kunstsprache umgegangen ­werden. So meine Anweisungen für die Arbeitsweise mit den verschiedenen ­Sprachen in dem Stück, das in seiner Form selbst vielfältig ist. Dialoge zwischen den Natur­wesen wald und berg. Ein singender Frauenchor. Die Sprechchöre der ­kolonisten. ­Erzählungen. Dialoge zwischen den drei Frauen verschiedener Generationen. Als Erinnerung, als Übersetzungen, als Überschreibungen.

Ich freue mich ­besonders über die Uraufführung am Burgtheater, auf einer Bühne der einstigen Hauptstadt eines Vielvölkerstaates. Wien. Eine durch und durch europäische Stadt, Schmelztiegel verschiedener Kulturen. Mit ihren verschiedenen Sprachen. Jede Sprache ist auch Identifikation. Die Vielsprachigkeit ­Identifikation für das Europäische. Das muss sich auch auf deutschsprachi­gen Bühnen widerspiegeln.“

Zur Person: Thomas Perle

Der Autor stammt aus Rumänien. 1991 emigrierte er mit seiner Familie nach Deutschland, wo er ­dreisprachig aufwuchs. Für sein Stück „karpatenflecken“, das nach mehrmaligen Verschiebungen ab 13. Dezember im Vestibül des Burgtheaters gezeigt wird, erhielt er 2019 den Retzhofer Dramapreis.

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Probeneinblicke: „karpatenflecken“