90 Jahre Thomas Bernhard mit einem Online-Heldenplatz und Neuinszenierungen

Thomas Bernhard wäre am 9. Februar 90 Jahre alt geworden. Während geplante Aufführungen unsicher sind, gibt es im Netz Aufzeichnungen zu entdecken – und eine Online-Premiere von „Heldenplatz“ aus Salzburg zu erleben.

von Theresa Steininger, 6. Februar 2021

90 Jahre Thomas Bernhard mit einem Online-Heldenplatz und Neuinszenierungen
Britta Bayer (links) und Patrizia Unger spielen am Salzburger Landestheaters in Thomas Bernhards Heldenplatz. Foto: Anna-Maria Löffelberger/Salzburger Landestheater

„Österreich selbst ist nichts als eine Bühne, auf der alles verlodert, vermodert und verkommen ist, eine in sich selber verhasste Statisterie von sechseinhalb Millionen Alleingelassenen, sechseinhalb Millionen Debile und Tobsüchtige, die ununterbrochen aus vollem Hals nach einem Regisseur schreien.“ Es waren einst Zitate wie dieses, die den „Skandal“ rund um die Uraufführung von Thomas Bernhards „Heldenplatz“ 1988 ebenso begründeten wie sie den Ruhm des Autors verstärkten. Dieser Tage, nämlich am 9. Februar, jährt sich Thomas Bernhards Geburtstag zum 90. Mal, sein Sterbetag am 12. Februar zum 32. Mal. Verschied er doch an diesem im Jahr 1989 in Gmunden.

Josefstadt und Volkstheater mit Bernhard-Stücken

Anlass für viele Bühnen, in dieser Saison Dramen jenes Mannes anzusetzen, der mit seinen Romanen, Erzählungen, Gedichten und Theaterstücken zu einem der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts gezählt werden kann. Thomas Bernhard war immer für eine Kontroverse gut. Ob durch die schonungslose, polemische, bewusst übersteigerte und angriffige Auseinandersetzung mit Österreich, jener mit dem Nationalsozialismus, Katholizismus oder mit Einzelpersonen aus Politik und Gesellschaft.

Ob beziehungsweise wann die Premiere von „Der Theatermacher“ über den legendären Staatsschauspieler Bruscon, der im verschlafenen Örtchen Utzbach mühsam auf seinen Triumph hinarbeitet und dabei einen Hassmonolog auf das Theater loslässt, am Volkstheater in der Regie von Hausherr Kay Voges stattfinden darf, steht in den Sternen. Ebenso, wann das Theater in der Josefstadt seine im Herbst gefeierte Produktion von „Ein deutscher Mittagstisch“ in der Regie von Bernhard-Intimus Claus Peymann wieder aufnehmen kann.

Heldenplatz am Salzburger Landestheater

Dass man rund um Bernhards Geburtstag dennoch einen Bernhard live erleben kann, dafür sorgt das Salzburger Landestheater mit „Heldenplatz“. Das Werk, das zum 50. Jahrestag des „Anschlusses“ Österreichs ans Dritte Reich geschrieben wurde und rund um dessen Uraufführung 1988 am Burgtheater am lautesten von Skandal und Schande die Rede war, kommt am 6. Februar zur Premiere. Der aktuellen Situation geschuldet, wird man die Vorstellung nur online verfolgen können.

Thomas Bernhard konterkariert Österreichs Opferrolle

Alexandra Liedtke inszeniert das Stück, in dem Bernhard die Finger in offene Wunden der Republik legt. Dabei konterkarierte er die Opferrolle Österreichs. „Bernhards beißende Kritik an dem Österreich, das für Dummheit, Engstirnigkeit und ausgrenzende faschistoide Strukturen steht, schmerzt bis – und besonders – heute“, wie es vom Landestheater heißt.

August Zirner spielt Robert Schuster, Britta Bayer Frau Zittel. Die Aufführung des Salzburger Landestheaters wird über die Plattform Vimeo als Video on demand ausgestrahlt. Man kann auch über einen Link auf der Homepage des Landestheaters einsteigen.

Die Uraufführung von Thomas Bernhards Heldenplatz im Wiener Burgtheater 1988.

Aufzeichnungen auf youtube

Für den Vergleich mit der einst Aufsehen erregenden Produktion von 1988 findet sich auf youtube übrigens die Aufzeichnung der Uraufführung am Burgtheater mit Wolfgang Gasser. Ebenso kann man dort beispielsweise „Die Macht der Gewohnheit“ von 1974 bei den Salzburger Festspielen und „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ von 1972 nachsehen oder über zahlreiche originale Interviews ein Gefühl für den streitbaren Charakter bekommen.

Nur kurze Zeit nach der Aufregung um „Heldenplatz“, gegen das 1988 wochenlang demonstriert wurde, das aber schließlich zu einer höchst erfolgreichsten Inszenierung wurde, erlitt Bernhard übrigens einen Lungeninfarkt, am 12. Februar 1989 führte ein Herzversagen zum Tod.

Thomas Bernhard wollte Aufführungen verbieten

Erst nach seiner Beerdigung erfuhren selbst enge Weggefährten wie Claus Peymann von seinem Verscheiden, beigesetzt ist er auf dem Grinzinger Friedhof im 19. Wiener Bezirk. Interessant zu wissen: Ursprünglich hatte er in seinem Testament verfügt, dass Aufführungen seiner Dramen in Österreich verboten seien. Doch ab 1999 wurden diese von seinem Universalerben Peter Fabjan wieder erlaubt. Die Gründung der Thomas-Bernhard-Privatstiftung hob das Aufführungsverbots endgültig auf – wodurch eine Vielzahl von Bernhard-Produktionen möglich ist, hoffentlich auch bald wieder live.

Weitere Informationen und Termine

www.salzburger-landestheater.at

www.volkstheater.at

www.josefstadt.org

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