Eine Wiederbelebung von Thomas Bernhards „Jagdgesellschaft“

Die junge Regisseurin Lucia Bihler weiß, was sie will. Thomas Bernhards Untergangsdrama inszenieren zum Beispiel. Für das Burgtheater hat sie sich dieses „Textmonsters" angenommen.

von Sarah Wetzlmayr, 14. Januar 2021

Eine Wiederbelebung von Thomas Bernhards „Jagdgesellschaft“
Lucia Bihler erfüllt sich mit ihrer Regiearbeit am Burgtheater einen Traum. Foto: Volksbühne Berlin / Meike Kenn

Draußen wütet der Borkenkäfer, im Körper des Generals, einer der drei Hauptfiguren aus Thomas Bernhards nur selten gespieltem Stück „Die Jagdgesellschaft“, eine ­todbringende Krankheit. Gemeinsam mit dem seit der Spielzeit 2019/20 fest am Burgtheater engagierten Dramaturgen Alexander Kerlin hat sich die 1988 in München ­geborene Regisseurin Lucia Bihler dieses Bernhard’schen „Textmonsters“ angenommen.

Wunschstück am Wunschtheater

Es geht, so Bihler, „um den Untergang einer Gesellschaft, die ihre eigene Zerstörung nicht wahrhaben will“. Tatsächlich befand sich das Stück schon seit längerer Zeit auf der Wunschliste der Regisseurin. „Ich hatte es schon mehreren Häusern vorgeschlagen, aber keines wollte es machen“, erklärt sie. Als dann der ­Anruf aus dem Burgtheater kam, war die Sache für Lucia Bihler sofort klar: „Ich wusste, dass ich das hier mit einem richtig guten Ensemble ­inszenieren kann, das darüber hinaus auch ein Verständnis für diese spezifisch österreichischen Themen mitbringt. Das gibt mir die Möglichkeit, diesen Kosmos auf sehr konkrete Weise zu untersuchen. Hätte ich das Stück in Norddeutschland gemacht, wäre es wahrscheinlich nicht möglich gewesen, auf diese Weise in der Wunde zu stochern.“

Schon nach der ersten Probenwoche waren Lucia Bihler und Alexander Kerlin davon überzeugt, mit der Besetzung von Martin Schwab, Maria Happel und Markus Scheumann in den drei sprechenden Rollen die absolut richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Bernhard unter der Lupe

Auch wenn das einige vielleicht erwartet hätten, möchten Lucia Bihler und Alexander Kerlin nicht mit einer Zerstörung des Originaltextes auf die im Stück von Thomas Bernhard omnipräsenten Zerstörungsmechanismen antworten. „Bei Autorinnen und Autoren, die eine Form vorgeben, die als solche auch funktioniert, macht es mir total Spaß, mich innerhalb dieser Form zu bewegen“, erklärt Lucia Bihler, die seit 2019 als Hausregisseurin an der Volksbühne Berlin engagiert ist. Die Stirn bieten möchte sie dem eng mit dem Burgtheater verbundenen Autor aber schon.

„Man muss sich unbedingt trauen, Bernhard etwas entgegenzusetzen, sonst wird es langweilig. Und Dinge im Text suchen, die auf den ersten Blick vielleicht nicht ganz so offensichtlich sind. Das finden wir heraus, indem wir uns zum Beispiel auch mit den stummen Figuren beschäftigen. Was macht eigentlich die Köchin, wenn sie Pause hat? Was ist der heimliche Traum des Holzknechts?“, so die Regisseurin. „Oder was passiert, wenn in einer Szene, die als total heilig gilt, plötzlich ein Staubsauger eingeschaltet wird?“, fügt sie lachend hinzu, während sie sich umdreht, um das direkt hinter ihr aufgebaute Bühnenbild in den Blick zu nehmen.

An der Volksbühne Berlin hat Lucia Bihler zuletzt einen Text der Autorin Stefanie Sargnagel auf die Bühne gebracht. Parallelen zwischen Bernhard und Sargnagel möchte die Regisseurin zu diesem Zeitpunkt zwar nicht ziehen, jedoch hält sie fest, dass das genaue Ausleuchten jener Ecken, in denen es so richtig mieft, ein wichtiges Charakteristikum der österreichischen Literatur ist.

Lucia Bihler legt Strukturen offen

Über Cross-Besetzung, wie sie bei Stefanie Sargnagels Bearbeitung der „Iphigenie“ zum Einsatz kam, haben Lucia Bihler und Alexander Kerlin in Zusammenhang mit der „Jagdgesellschaft“ zwar nachgedacht, sich letztlich aber doch dagegen entschieden. „Ich besetze eigentlich immer nach spielerischer Energie. Bei der ‚Iphigenie‘ war es kein Problem, ohne Männer ein Patriarchat zu erzählen. Oft hilft es sogar, um Strukturen offenzulegen und zu verdeutlichen, dass sie gemacht und nicht natürlich sind“, erklärt die junge Regisseurin und fügt hinzu, dass, obwohl ihr Blick immer feministisch gefärbt ist, bei der Inszenierung der „Jagdgesellschaft“ andere Themen im Vordergrund stehen.

Die Idealisierung der Vergangenheit zum Beispiel, „die vielleicht gar nicht so ideal war“, wirft Alexander Kerlin lachend ein. Ein Mechanismus, der genauso zu Österreich gehört wie die Mannerschnitten, die Lucia Bihler zwischen Probe und Interview gegessen hat. „Wien liebe ich übrigens sehr“, erwähnt sie noch, bevor sie sich wieder ihrer Inszenierung widmet. „Auch wenn es momentan natürlich ein wenig anders ist.“

Zur Person: Lucia Bihler

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