Ana Milva Gomes und die Magie des Musicals

Ist Musical Kunst? Wurde über „Cats“ alles gesagt? Und: Ist Sissi bald schwarz? Darüber und über den Mut zum Risiko hat die BÜHNE mit Musicalstar Ana Milva Gomes gesprochen, die sich aus der Babypause zurückmeldet.

von Atha Athanasiadis, 23. Dezember 2020

Ana Milva Gomes und die Magie des Musicals
Im Studio durfte nur Ana Milva Gomes die Maske abnehmen. Vor dem Fotoshooting wurden alle auf Corona getestet und trugen FFP2-Masken. Foto: Peter Mayr

Was meinst du genau?“, fragt Ana Milva Gomes zurück, als ich wissen will, ob Musical überhaupt Kunst sei, und zieht dabei die Braue hoch. Dann räuspert sie sich und lehnt sich abrupt zurück. Gott, kann diese Frau streng schauen. „Mmmhh. Das ist also deine Meinung?“ „Nein“, sage ich und merke, dass das jetzt kein besonders guter Start für ein Interview war, und fasle etwas von meiner noch jungen Liebe zum Genre, die über den Umweg von Musicals wie „The Book of Mormon“ gewachsen ist. Betreten schaue ich auf das Aufnahmegerät und dann erst in das Gesicht des Musical-Lieblings. Ihre Augen blitzen. Sie grinst. „I’m just kidding.“

Ein Mittwoch Anfang Dezember. Wir treffen uns in einem Fotostudio im siebten Wiener Bezirk. Produktionen in Zeiten von Corona bedeuten: frische negative Testergebnisse, FFP2-Masken und nur fünf Personen auf 100 Quadratmetern, darunter Fotograf, Licht und Ausstattung. Der Baby­elefant ist bei jeder Begegnung mit im Raum, und beim Interview muss man wegen ihm und der Maske auch fast brüllen, um verstanden zu werden. 

Katzenfrau: Ana Milva Gomes beim Shooting Anfang Dezember in einem Studio im siebten Bezirk in Wien. Foto: Peter Mayr

Rückkehr ins Ronacher

Ana Milva Gomes ist bestens gelaunt. Ihre Baby­sitterin meldet sich immer wieder kurz via Face­time. Sie scherzt, winkt ihrem Baby zu. Über Privates spricht die gebürtige Holländerin nur sehr selektiv: „Ich stehe in der Öffentlichkeit, aber nicht meine Tochter.“ 

Privates ist auch nicht unser Thema. Seit September ist sie aus der Babypause zurück, und wäre da nicht die Pandemie, dann würde sie jetzt als Grizabella auf der Bühne des Ronacher stehen und mit „Memory“ für Tränenausbrüche des Glücks sorgen. Andrew Lloyd Webber hat das Musical geschrieben – und es ist, wie viele andere auch, näher an der Oper dran, als es Musicalkritiker wahrhaben wollen.

Cats und die Nähe zum Genre Oper

„Denk an mich“ aus dem „Phantom der Oper“ etwa hat Tonsprünge zu bieten wie die Arie der Königin der Nacht in Mozarts „Zauberflöte“, „Cats“ vereint Ballett mit klassischem Gesang, und in den Handlungssträngen sind Musicals meist näher dran am echten Leben als die ­Libretti vieler Opern. So fällt dem Publikum die Identifikation mit den ­Figuren auf der Bühne leichter. Bei „Cats“ war am Anfang das Wort – die Gedichte von T. S. Eliot. „Die außerordentliche Musikalität der Gedichte hat mir das Komponieren sehr leicht gemacht“, wie Andrew Lloyd Webber selber sagt.  

Corona ist eine Zeit, die viele Menschen unsicher macht und haltlos. Wir Musicaldarsteller kennen das Gefühl des Nichtwissens, wie es weitergehen soll. Die Unsicherheit, ob das Knie hält, ob das Engagement weitergeht, ob man wieder umziehen muss.

Ana Milva Gomes

„Grizabella war eine erfolgreiche, wunderschöne Glamourkatze. Irgendetwas ist passiert, und sie hat sich völlig verloren. Man könnte es mit einem Menschen vergleichen, der sehr viel erlebt hat, durchdreht und auf der Straße lebt. Grizabella will dazugehören, sie braucht das Gruppengefühl. Sie möchte akzeptiert werden. Ich liebe die Geschichte von ‚Cats‘. Es sind die Leitthemen in dieser Figur, die jeden Menschen berühren: Es geht ums Alter, um Einsamkeit und den Wunsch, akzeptiert zu werden, den Umgang mit den eigenen Fehlern. Und dass man, wenn man einmal einen kleinen Fehler macht, auch abstürzen kann, aber dass am Ende ein Happy End möglich ist. Corona ist eine Zeit, die viele Menschen unsicher macht und haltlos.

Wir Musicaldarsteller kennen das Gefühl des Nichtwissens, wie es weitergehen soll. Die Unsicherheit, ob das Knie hält, ob das Engagement weitergeht, ob man wieder umziehen muss. Ich lebe schon lange mit dieser Ungewissheit. Ich weiß, wie das ist. Jetzt kommt noch die Sorge um die globale Gesundheit und Wirtschaft dazu.“

Starke Bühnenpräsenz

Ana Milva Gomes hat eine unglaubliche Präsenz und Ausstrahlung, die eine Bühne ganz selbstverständlich füllt. Selbst wenn sie nur eine Nebenrolle spielt, kann es sein, dass sie für das Publikum der eigentliche Star ist. So geschehen bei „Bodyguard – Das Musical“. Übrigens eine der wenigen ganz klar schwarzen Hauptrollen, die es gibt. 

Nicht viele Musicalrollen für schwarze Frauen

„Meine Eltern haben sich Sorgen gemacht, weil es nicht viele Rollen für uns schwarze Frauen gibt. ‚König der Löwen‘, ‚Aida‘, ‚Tarzan‘. Dann kam ich nach Wien zu den Vereinigten Bühnen: Ich meine, ich sehe nicht aus wie Meryl Streep und habe als erste schwarze Frau die Rolle der Donna gespielt. Ich war die Baronin von Waldstätten in ‚Mozart!‘. Der Regisseur Harry Kupfer hat nur gesagt: ‚Ah, eine schwarze Frau, warum nicht.‘ Ich gehe seither auf alle Auditions und denke: Vielleicht sehen die Menschen dort etwas, was ich nicht sehe.

Grundsätzlich bin ich eine der wenigen, die so eine Karriere gemacht haben – obwohl es so viele talentierte schwarze Frauen gibt. Ein wenig mehr Farbenblindheit würde unserer Gesellschaft guttun.

Ana Milva Gomes

Grundsätzlich bin ich eine der wenigen, die so eine Karriere gemacht haben – obwohl es so viele talentierte schwarze Frauen gibt. Ein wenig mehr Farbenblindheit würde unserer Gesellschaft guttun. Ich poste viel und lade Menschen dazu ein, mir Fragen zu stellen. Denn Diskriminierung hat viele Gesichter. Es passiert mir noch immer, dass mich Menschen auf Englisch ansprechen, weil sie annehmen, dass ich nicht Deutsch kann. Es wird aber besser. Ich selber habe mittlerweile Blut geleckt, und ich habe eine absolute Traumrolle: Elisabeth. Die Musik ist so wundervoll, die Geschichte so stimmig – es wäre eine wirkliche Herausforderung für mich. Alleine wegen dem Kleid (lacht). Außerdem haben bislang sehr viele Holländerinnen die Rolle gesungen.“

Musicalstar Ana Milva Gomes wurde mitten im ersten Lockdown Mutter. Im Jänner kehrt sie auf die Bühne des Ronachers zurück und wird Grizabella in Cats verkörpern. Foto: Peter Mayr

Liebe zum Detail

Die unglaubliche Liebe zum Detail ist es auch, die Musicals so besonders macht. Die Ausstattung von „Cats“ ist einzigartig in ihrer Stimmigkeit. Alle Gegenstände, die im Bühnenbild vorkommen – jede verbeulte Konservendose, jeder kaputte Regenschirm, das rote Autowrack, der alte Autoreifen, die verrosteten Fahrräder, die Plastik­becher und Glasflaschen, die Zeitungsfetzen und Zahnpasta­tuben, dieser Müll der menschlichen Zivilisation – stimmen in ihren Proportionen zu den Katzendarstellern. Die Kostüme balancieren perfekt auf dem schmalen Grat zwischen Mensch und Tier. Zu viel Katze würde die Handlung sofort in Richtung Kindermärchen verschieben. 

Neuer Tanzstil für Cats entwickelt

Das Licht ist so gesetzt, dass selbst bei Mondlicht jede einzelne Bewegung der Katzen für das Publikum klar sichtbar ist. Um die Bewegungsabläufe von Katzen zu zeigen und trotzdem eine Show zu bieten, wurde ein neuer Tanzstil entwickelt: „Ich wollte keine herkömmliche Choreografie zeigen, sondern einen selbst geschaffenen neuen Ausdruck“, sagt Gillian Lynne, die Choreografin und Co-Regisseurin der Originalversion vom Westend. Das Katzen-Menschen-Verhalten wird jetzt durch die Verknüpfung einer Vielzahl von Tanzvarianten dargestellt. 

„Es sind all diese Feinheiten, die die Magie ausmachen.“

Ana Milva Gomes

„Der Originalregisseur war hier und hat uns die Entstehungsgeschichte des Musicals erzählt. Ich habe fasziniert zugehört, und jede seiner Storys hat mich ein Stück näher an das Werk gebracht. Wir sind dann stundenlang auf der Bühne herumgekrabbelt, haben dabei gesungen und miteinander kommuniziert. Das wirkt im ersten Moment etwas seltsam, aber es sind all diese Feinheiten, die die Magie ausmachen.“

Du darfst auch nie überlegen, wer deine Rolle besser gesungen hat oder witziger war.

Ana Milva Gomes

Bei Musical-Produktionen ist die Choreografie urheberrechtlich geschützt – die Einhaltung der Vorgaben wird bei Lizenz-Aufführungen strengstens kontrolliert und bei Missachtung finanziell geahndet. Bestätigt nicht gerade das den Vorwurf der Kommerzialität? Die Frage ist gestellt, und im selben Augenblick weiß man um die Arroganz, die ihr innewohnt. Ana Milva Gomes amüsieren diese etwas hilflosen Versuche der Provokation.

„Vorgaben sichern Qualität. Die Kunst ist, dass man in der Choreografie seine eigene kreative Interpretation findet – sonst bist du nur ein Roboter. Du darfst auch nie überlegen, wer deine Rolle besser gesungen hat oder witziger war. Wenn du dich an diesen Menschen orientierst, dann drehst du durch.
Ich denke nicht daran, ich gehe raus und bin Ana. 

Take a risk, sage ich immer.“

Ana Milva Gomes und die Vereinigten Bühnen Wien, das ist eine Erfolgsstory – nicht zuletzt auch wegen des Besetzugsmuts von Musical-Intendant Christian Struppeck. Foto: Peter Mayr

Cats in 3 Sätzen

Der Katzenstamm der Jellicle Cats feiert mit seinem Anführer, dem weisen Old Deuteronomy, den jährlichen „Jellicle Ball“, bei dem eine Katze ausgewählt wird, die zum „Heaviside Layer“ (dem Katzenhimmel) aufsteigen darf, um neu geboren zu werden. Mehrere Katzen stellen sich vor und wollen ausgewählt werden. Am Ende gewinnt Grizabella, sie singt auch den Hit „Memory“.

Zur Person: Ana Milva Gomes

Gomes Eltern stammen von den Kapverdischen Inseln und zogen nach Den Haag. Ana Milva startet ihre ­Karriere in Essen im Musical „Aida“. 2011 kommt sie nach Wien, spielt hier „Sister Act“, „Mamma Mia!“ und Co. Die 40-Jährige hat ein Kind und hält ihr Privatleben strikt unter Verschluss.

Tickets und Termine für Cats

Tickets ab 19. Jänner

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