Dem Klimawandel eine Bühne geben

Ein Cross-over, das Mut macht, die Zukunft anders zu denken: Ein Theaterregisseur und eine Meeresbiologin haben das „Theater des Anthropozän" gegründet, um wissenschaftliche Ergebnisse zum Klimawandel mit der Emotion und Unmittelbarkeit des Theaters zu verknüpfen.

von Redaktion, 31. Mai 2021

Dem Klimawandel eine Bühne geben
Der Mensch verändert die Erde in einem rasanten Tempo. Die nackten Zahlen und Fakten der Wissenschaft sind oft nur noch schwer begreifbar. Das Theater kann bei der Vermittlung helfen. Foto: Unsplash/Illico

„Viele dächten, die Tragödie sei tot“, heißt es am Anfang von „Anthropos, Tyrann (Ödipus)“. Frei nach Sophokles wird darin die Erderhitzung mit der antiken Tragödie verknüpft. Alexander Eisenach realisierte gemeinsam mit dem „Theater des Anthropozän“ dieses Stück. An dramatischen Stoffen mangelt es in der Wissenschaft ja nicht. Der Mensch vergiftet die Luft, erhöht die durchschnittliche Erdtemperatur, rodet Urwälder, rottet Tiergattungen aus. Er hinterlässt bis in die entlegensten Stellen der Weltmeere und bis auf die höchsten Gipfel der Berge Plastikmüll. Mag man es pessimistisch formulieren, dann sind Parallelen zwischen einer Tragödie und der Art und Weise, wie der Mensch die Erde behandelt, schnell gefunden. Möchte man positiver an die Angelegenheit herangehen, ist da vor allem Hoffnung durch eine spielerische und berührende Vermittlung, die das sperrige Thema „Umweltschutz“ im Theater erfahren kann. Ein Theaterregisseur und eine Meeresbiologin haben daher das „Theater des Anthropozän“ gegründet, um wissenschaftliche Ergebnisse mit der Emotion und Unmittelbarkeit des Theaters zu verknüpfen.

Wider die Natur

Die renommierte Meeresbiologin Antje Boetius, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung, und Regisseur und Dramaturg Frank Raddatz stehen hinter dem Projekt. „Die Wissenschafter haben Angst, dass ihre Ergebnisse nicht bei den Menschen ankommen“, erklärt Raddatz den Ansatz. Die aktuelle erdzeitliche Epoche wird oft als Anthropozän betitelt – es ist das menschgemachte Zeitalter. Denn überall auf der Welt wird von den Menschen in die Natur eingegriffen. Obwohl der Begriff erst um 2000 von Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen geprägt wurde, wird der Anfang bereits mit Beginn der industriellen Revolution vor 200 Jahren verortet.

Die Zahlen sind zwar eindeutig, aber das Ausmaß oft so gewaltig, dass es nur noch schwer greifbar ist. Das zeigt etwa der Waldzustandsbericht der deutschen Bundesregierung vom Vorjahr. „Nur noch 18 Prozent der deutschen Wälder sind gesund. Im Durchschnitt aller Baumarten war der Kronenzustand noch nie so schlecht wie im Vorjahr“, zitiert Raddatz aus dem Bericht. Der Klimawandel ist sichtbar angekommen. Viele Bäume haben keine gesunden Blätter mehr, sind von Schädlingen befallen. Und 180.000 Hektar Wald sind überhaupt bereits seit 1984 abgestorben.

Zustand der Wälder und der Meere

Passend dazu veranstalteten Boetius und Raddatz im März des Vorjahres im Tieranatomischen Theater der Humboldt Universität zum Beispiel die szenische Lesung mit dem Titel „Requiem für einen Wald“. Denn nicht nur der deutsche Wald leidet. Waldbrände in Sibirien, Kalifornien, Australien – die Schlagzeilen und Bilder der vergangenen Monate waren apokalyptisch. Doch auch die Rolle der Ozeane für das Leben auf der Erde wurde bereits thematisiert. Bei der chinesisch-deutschen Dialogreihe „Me(er)tamorphosen“ treten Wissenschaftler:innen und Künstler:innen – darunter Bibiana Beglau – in einen Austausch über ökologisch-gesellschaftliche Themen im Zeitalter des Anthropozäns. Im Zentrum steht dabei das Element des Wassers, das einen unverzichtbaren und höchst wandelbaren Rohstoff des Lebens darstellt sowie als Inspirationsquelle die Kunst anregt.

Ein wissenschaftlich-künstlerische Beitrag von Antje Boetius, Bibiana Beglau und Amandine Carbuccia im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung der Reihe „Me(er)tamorphosen“ vom 10. Oktober 2020 mit Texten von Charles Baudelaire, Bertolt Brecht, Friedrich Hebbel und Friedrich Hölderlin sowie Musik von Claude Debussy, Kurt Weil und Albert Zabel.

Mit den Mitteln der Kunst gegen den Klimawandel

„Ich habe mir in meiner Forschung immer Bereiche ausgesucht, in denen es um Unerreichtes, Unentdecktes, Unklares oder Unwirkliches geht“, sagt Boetius. Doch bald kam die Forscherin darauf, dass in der Geschwindigkeit, in der wir Neues entdecken, gleichzeitig die Natur verändert wird – „schneller, als man hinterher forschen kann“. Schon jetzt ist die Veränderung der Erde und der Ozeane fundamental.

Für Boetius ist zwar auch die emotionalere Vermittlung durch die Mittel des Theaters interessant, doch viel spannender findet die Möglichkeit, die Zukunft nicht immer nur als unumkehrbare Erweiterung der Gegenwart zu verstehen. Wie kann man mit den Ergebnissen der Wissenschaft bei den Zuhörer:innen anregen, dass sie eine Zukunft überlegen, die sie „erreichen wollen“? Das Ziel ist, die Kunst als Inspiration und Impulssgeberin zu verstehen: Damit die Entscheidungsfindung, Neugierde, Experimentierlust über den puren Pessimismus siegen kann.

Tipp: Das „Theater des Anthropozän“ findet auch digital statt. Digitale Bühne

Weiterlesen

Wagner hautnah: Das „Tristan Experiment“ an der Kammeroper