Werner Sobotka: Bumm, zack, mitten ins Herz

Vom Hektiker, der Radiomoderatoren den Mund zupickte, hin zum erfolgreichen Komödien- und Musical-Regisseur. Ein Gespräch mit Werner Sobotka, den es amüsiert, dass er jetzt als seriös gilt.

von Atha Athanasiadis, 21. Dezember 2020

Werner Sobotka: Bumm, zack, mitten ins Herz
Einer, den alle ab 40 kennen. Werner Sobotka im Vorraum des Theaters der Jugend. Foto: Peter Mayr

Werner Sobotka spricht keine Sätze, sondern feuert sie ab. Schnell, sympathisch und auf dem Punkt. Dazwischen macht er kurze Pausen und zeigt das Grinsen, das in Österreich jeder über vierzig kennt: die Mundwinkel ganz weit nach oben gezogen, ein Lächeln, so breit wie der Rand der Brille, und tiefe Lachfalten, die sein schmales Kinn betonen. Mit den Hektikern füllte er Hallen, dann wechselte er in die zweite Reihe und gilt mittlerweile als einer der besten Komödien- und Musicalregisseure.

Sobotka ist nicht nur ein routinierter Antwortgeber, seine Ansichten sind auch so gerade und wohldurchdacht wie seine Inszenierungen. Oder, um das berühmte Hektiker-Zitat („Bumm, zack, in die Goschn“) neu zu schreiben: Bumm, zack, voll ins Herz und Hirn.

Gerade eben hat Sobotka das Stück „Monsieur Pierre geht online“ in den Wiener Kammerspielen inszeniert, jetzt produziert er für das Theater der Jugend „Der kleine dicke Ritter“. Eine kluge Programmierung von Theaterdirektor ­Thomas Birkmeir, denn das Stück ist eines jener Meisterwerke, die nach der goldenen Erfolgsregel von Roncalli-Mastermind Bernhard Paul ­funktionieren: „Du hast es geschafft, wenn das Kind, der Intellektuelle und der Arbeiter an derselben Stelle lachen.“

Im Jänner soll „Der kleine dicke Ritter“ Premiere haben. Wir sitzen im Theaterfoyer und wollen wissen, wie es so ist, wenn man als Hitgarant gilt. Sobotka amüsiert die Frage, galten die Hektiker doch lange, wie er selber sagt, als „Trotteln“ und „Kommerznutten“. Und als solche füllten sie Hallen. Aber was genau macht heute seinen guten Ruf aus?

Werner Sobotka: Ich höre das oft, und ich denke mir manchmal: Das sagen die nur so, weil sie nett sein wollen, ich mache doch nichts Besonderes. Mein Ziel ist es, dass man mir handwerklich nichts vorwerfen kann. Weil Geschmack ist Geschmack. Mein Vater hat immer gesagt: „Ich bin ein Handwerker und kein Künstler“, und so sehe ich das auch: Ich bin ein Handwerker, der vom Leading Team bis hin zu den Schauspielern erwartet, dass alle gerne und fundiert ihr Handwerk machen. Es macht mich nichts grantiger als Unwilligkeit und Lustlosigkeit oder wenn ich merke, der absolviert nur seinen Dienst. Ich habe sehr viel Herz und sehr viel Hundertprozentig­keit. Ich bin dieser Beruf. Das ist für mich immer so gewesen. Es ist für mich gleichermaßen wahnsinnige Freude wie Selbstverständlichkeit. 

Liegt der Unterschied zu anderen Regisseuren vielleicht auch in der Führung der Schauspieler?

Werner Sobotka: Ich weiß immer genau, was ich will. Ich habe mir einen Dachboden gekauft und bin reingekommen und  habe genau gewusst, wie der eingerichtet wird. Das ist ein Talent, dafür habe ich nichts getan, es ist ein Geschenk. Einen Schauspieler interessiert die Haltung einer Figur und nicht, ob er bei einem bestimmten Satz nach links gehen soll. Jedes Stück kann auf hundert Arten interpretiert werden. Du musst als Regisseur sagen können: „Meine Vorstellung von dem Stück ist so, und ich kann euch diese Vorstellung so genau erklären, dass ihr alle sie versteht.“ Und am Ende dieser ­Erklärung müssen sie sagen: „Da gehen wir mit.“

Ich hasse unvorbereitete Regisseure, die zu Schauspielern sagen: „Biete mir was an.“ Ein Schauspieler bietet immer was an. Oder Regisseure, die sagen: „Wie würdest du die Rolle anlegen?“ Dann ist der Schauspieler orientierungslos. Ich sehe manchmal Vorstellungen, bei denen ich mir denke: Der Bühnenbildner ist in die eine Richtung gegangen und die Schauspieler in die andere, und der Regisseur ging überhaupt verloren. Da hat dieses Commitment für den gemeinsamen Weg gefehlt.

Ich bin keiner, der sagt: „Da müssen wir auf Händen gehen und uns im Gatsch wälzen und dabei ,Heil, Hitler‘ rufen.“ Ich bin kommerziell und konventionell, und vielleicht ist für viele das schon wieder das Außergewöhnliche. Bei mir ist ein Wohnzimmer auf der Bühne halt ein Wohnzimmer und kein Panzer. Ich sehe mich selber als sehr normal. Es gibt viele Kollegen, die sehr exzentrisch sind. Wir waren das alles mit den Hektikern, insofern brauche ich das nicht mehr.

Wäre so eine Karriere, wie sie die Hektiker gemacht haben, heute überhaupt noch möglich?

Werner Sobotka: Ich glaube nicht. Fifi Pissecker sagt immer: „Ich bin so froh, dass wir so alt sind und alles erlebt haben. Ich weiß wenigstens, wie es ist, wenn es leiwand ist.“ Wir haben Karriere gemacht, weil wir uns den Leuten damals aufgedrängt haben, die konnten uns nicht entkommen. Damals gab es FS1 und FS2 und aus. Es gab drei Radiosender, und auf Ö3 waren immer wir. Du konntest nicht aufdrehen, ohne dass die blöden Hektiker wo rausgeschaut haben. Irgendwann haben die Leute gesagt: „Kenn ich.“ Und dann haben sie gesagt: „Ist eh ­lustig“, und dann waren wir viel auf Tournee. Das geht heute nicht mehr. Alles ist jetzt so inflationär. 

Werner Sobotka traf die BÜHNE im Theater der Jugend zum Gespräch. Foto: Peter Mayr

Werner Sobotka unterrichtet auch an der Uni. Die Frage nach dem Nachwuchs und wie schwer dieser es derzeit hat, liegt auf der Hand.

Werner Sobotka: Der Vorteil ist, dass es gar nicht mehr schlimmer werden kann. Der Job hat schon in guten Zeiten seine Höhen und seine Tiefen, das gehört dazu und ist schon in normalen Zeiten sehr, sehr herausfordernd. Diese Generation muss in einem Tal anfangen, und das ist definitiv nicht lustig. Das fängt schon bei der Ausbildung an: Wir haben es mit Zoom versucht, aber wenn dann der Pianist asynchron mitspielt, ist es sinnlos. 

„Der Nachwuchs hat einen völlig anderen Zugang. Diese „DSDS“-Mentalität: Ich geh nur einmal wo hin, kann dort eine Strophe richtig singen oder einen Witz unfallfrei erzählen, dann komme ich ins Fernsehen und bin ein Star.“

Besteht die Gefahr, dass der Nachwuchs durch ­Corona wegbricht? 

Werner Sobotka: Das Thema Nachwuchs beschäftigt mich seit den 2000ern. Der Nachwuchs hat einen völlig anderen Zugang. Diese „DSDS“-Mentalität: Ich geh nur einmal wo hin, kann dort eine Strophe richtig singen oder einen Witz unfallfrei erzählen, dann komme ich ins Fernsehen und bin ein Star.

Oder die Internetgeneration, die sagt: Wenn ich dreimal sage, welchen Nagellack ich verwende oder wie g’schissen die Regierung ist, dann bin ich ein Star. Die sind dann ein Star für fünf Monate. Alle Schauspieler, die seit dreißig Jahren oben sind, haben in der analogen Zeit begonnen. Die digitale Zeit hat sehr viel verändert. Es fehlt die Nachhaltigkeit.

Hape Kerkeling und Anke Engelke, die haben zehn Jahre geübt, bevor sie an die breite Masse kamen. Jetzt hast du kaum die Chance, zu üben. Du gehst raus, und funktionierst du nicht, kommt der Nächste. Funktionierst du, dann wirst du ausgepresst. Ich liebe es, jetzt zu arbeiten, aber ich möchte nicht jetzt Karriere machen müssen. Ich sage meinen Schülern immer: Geht in die kleinen Stadttheater, probiert euch aus, da spielt ihr große Rollen, und wenn es oasch ist, dann sieht es keiner, und wenn es gut ist, dann werdet ihr entdeckt.

Wir zwei älteren Männer schauen uns an und nicken. Aber machen wir es uns nicht zu einfach, alles auf das Internet und „DSDS“ zu schieben? Ich bringe die alte Zirkusregel ins Spiel: Wenn du einmal etwas gefunden hast, was das Publikum liebt, dann bleib drauf. Werner Sobotka grinst. 

Ein Rudi Carrell, ein Peter Alexander, die waren immer gleich. Die haben ihr Ding über Jahrzehnte durchgezogen. Und das hat dem Zuschauer so eine Sicherheit gegeben. Der hat schon gewusst: Ah, jetzt kommt das. Das ist kein Experiment, da muss ich mich auf nichts Neues einstellen, das ist so eine Wohlfühl­geschichte: Ich weiß bei dem immer, was ich krieg, und das ist super.

Das ist auch das Geheimnis des Theaters der Jugend: Handwerk auf höchstem Niveau, mit jungen Schauspielerinnen und Schauspielern, die – neu entdeckt – regelmäßig Preise abstauben. Werner Sobotka hat genug gesagt, zumindest sagt das seine ganze Körperhaltung. Er will wieder proben gehen. Es ist die Hundertprozentigkeit, die ihn antreibt.

Danke für das Gespräch.

Zur Person: Werner Sobotka

1981 gründete er gemeinsam mit Fifi Pissecker, Florian Scheuba und Mini Bydlinski die Hektiker und sprengte mit ihnen alle Rekorde. Er studierte Schauspiel und Musical. Ab den 1990ern ­begann er Regie zu führen. Der 55-Jährige inszeniert Komödien, Musicals und Operetten.

Aktuelle Informationen: Der kleine dicke Ritter im Theater der Jugend

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