Fünf Barockdramen, die die Bühne rocken

Was will Theater heute? Warum wird oft dasselbe gespielt? Die BÜHNE hat ein paar Ideen gesammelt, welche Stücke mehr Aufmerksamkeit verdient haben.

von Juliane Fischer, 10. Dezember 2020

Fünf Barockdramen, die die Bühne rocken
„Das Leben ein Traum" feierte im September im Burgtheater Premiere. Franz Pätzold war als Sigismund zu sehen (im Vordergrund stehend), Norman Hacker als Basilius, König von Polen (am Boden liegend). Foto: Burgtheater/Andreas Pohlmann

„Jedes revolutionäre Weltgefühl wird bequem, wenn es in die Jahre kommt“ heißt es bei Herbert Ihering in „Der Kampf ums Theater“ (1922). Die Parolen sind schnell abgegriffen. Aber das ist gar nicht notwendig, denn im Fundus schlummert unentdeckte zeitlose Literatur. Wir müssen nur schauen: Was gehört auf die Bühne? Diesmal werfen wir einen Blick auf Barockdramen und was es da noch zu entdecken gibt.

1. „Das Leben ein Traum“ von Pedro Calderón de la Barca (1635)

Burgtheater-Direktor Martin Kušej setzte einen radikalen Schnitt und startete voller neuer Kraft in den Theaterherbst, der bekannterweise ein abruptes Ende nahm. Es war der fast märchenähnliche Stoff des Spaniers Pedro Calderón de la Barca mit dem das Burgtheater nach einem halben Jahr aus dem Corona-Schlaf erwachte. Ein Stück aus dem 17. Jahrhundert? Ja, das klappte. Wie gut klang doch das strenge Versmaß in den Ohren der theaterausgehungerten Zuseher!

„La vida es un sueño“ wurde 1635 uraufgeführt. Das Barockstück gilt als erstes existenzphilosophisches Drama der Weltliteratur: Wer bestimmt, wie das Leben wird? Was ist Freiheit und wovon wird unser menschliches Handeln geleitet – von der Politik, von Pseudowissenschaften, von Gott, vom Schicksal? 

Entscheidungsfreiheit, Egoismus, neuer Machtgewinn und ihr Missbrauch rücken in der Zeit einer Pandemie in den Vordergrund. Unsicherheit und Angst führen zu Konflikt. Bei all dem geht es damals wie auch unter dem Burgdirektor nur um Männer und deren Herrscherbild und -blick. Außerdem rückte Kušejs Inszenierung den Machtmissbrauch populistischer Politiker in den Vordergrund und entlehnt dazu den Schlussmonolog von Pier Paolo Pasolinis Stück „Calderón“ (1967).

Die drei Stunden gestalten sich düster, aber vergehen schnell und klingen lange nach. Die Thriller-Musik wummert spannungsgeladen, manchmal meditativ. Das Bühnenbild eintönig in allen fifty shades of grey, relativ effektarm, aber effektiv. Aufgehellt wird die dunkle Gothic-Ästhetik durch den Sprachwitz.

2. „Schule der Frauen“ von Molière (1662)

Auch das Landestheater Niederösterreich eröffnete mit einem Sprung um mehr als 350 Jahre zurück auf der Zeitleiste. Mit „Die Schule der Frauen“ kritisierte der französische Dramatiker Molière schon 1662 die traditionelle Auffassung von ehelicher Liebe als Pflicht und erzwungener Treue. Das gab einen heftigen Skandal. Der Dichter reagierte mit einem Einakter als Replik.

Diese Stücke inklusive Zeilen aus Molières bekannterer Komödie „Der Menschenfeind“ hat Ruth Brauer-Kvam, die vor zwei Jahren unter die Regisseurinnen gegangen ist, in ihrer Inszenierung verwoben. Die Handlung setzte sie in die Goldenen Zwanziger. Das Gegenteil von gut ist gut gemeint – das zeigt die zweite Ebene, die die Regisseurin einzog. Da erlebt ein Paar als Zuseher die Geschichte mit.

Mansplaining in Barockdramen

Das Publikum wird konfrontiert mit Mansplaining, Eifersucht, anerzogene Naivität, und selbstzufriedenem Feminismus. Sind wir gefeit vor Geschlechterklischees? Wie frei ist Liebe wirklich? Und wie groß ist das partnerschaftliche Vertrauen? Ist unser Verhalten vereinnahmend oder egoistisch? Lassen wir den Anderen genügend Freiraum?

Sicher ist eine Bindung nie. Sicher ist nur, dass sich Liebe weder erzwingen noch einsperren lässt. „Um die Liebe wäre es bös bestellt, wenn es nötig wäre, dass man sie in Ketten hält“, heißt es in dieser köstlichen, klugen Komödie. Brauer-Kvam hat sich für eine Swinging Show – im Sinne der Commedia dell’arte betont körperlich, rhythmisch und überkandidelt – entschieden.

3. „Leo Armenius“ von Andreas Gryphius (1650)

Gegründet wurde das barocke deutsche Kunstdrama von Andreas Gryphius. Er war sehr belesen in den antiken Dramen und ließ sich auch vom Jesuitendrama inspirieren. Seine Tragödien wahren stets die Einheit des Ortes, der Zeit und der Handlung. Gryphius geht es immer um die Vergänglichkeit menschlichen Tuns und Schaffens. Das gilt ebenso in seinem ersten Werk, dem Märthyrerdrama „Leo Armenius oder Fürsten-Mord“.

FAZ-Redakteur Andreas Kilb findet auch, dass es an der Zeit sei, „das Barockdrama wiederzuentdecken, nicht als Museum historischer Katastrophen, sondern als Folie für die Krisen und Konflikte unserer Zeit“. Allerdings müsste man „Leo Armenius“ in die Moderne übersetzen.

Wie in „Das Leben ein Traum“ wird hier der Umgang mit Macht verhandelt. Und es geht ebenfalls um Despoten, Diktatoren und Apparaturen des Terrors. Der von Gryphius gezeichnete Kaiser ist ein melancholischer Zauderer. Die Macht erdrückt ihn eher. „Was ist ein Prinz doch mehr als ein gekrönter Knecht?“, fragt er. Wo bleiben die Heldinnen? – Nun, Theodosia startet – gut gespielt – eine Trauerklage um ihren Gatten, die sich gewaschen hat.

4. „Das berühmte Drama von Fuente Ovejuna“ von Lope de Vega (1619)

„Manchmal wäre man ja schon froh, wenn Theaterleute auf der Suche nach neuen Stoffen einfach in die Buchhandlung gingen und ein bisschen stöberten“, wünscht sich Paul Ingendaay, ebenfalls Redakteur für die FAZ. Neugierde würde sie zu ein paar alten Texten wie zum Beispiel  jenem von Lope de Vega treiben.

Im orangen Reclame-Heft versteckt sich kein verstaubter Klassiker. Es ist ziemlich schnell zusammengezimmert: keine Theaterbauten, keine Requisiten außer: Kunstblut wie in einem Splattermovie, keine Szeneanweisungen außer: Auftritt XY. Auch die Handlung ist schlicht: Ein Dorf rebelliert, ein Tyrann wird ermordet und wieder einmal geht es um die Frage nach der Verantwortung politischer Machthaber. Eine Reflexion über Gewalt, Mitläufer, Ehre, Kalkül und bäuerliches und bürgerliches Engagement in vorbürgerlichen Zeiten.

5. „Sophonisbe“ von Daniel Casper von Lohenstein

Unbeugsame Titelheldin gesucht? Sophonisbe erlebte den zweiten Punischen Krieg, den wir zuletzt vermutlich im Geschichtsunterricht erinnerten. Es ging um Kathago und Rom und ihr Vater der karthagische Feldherr machte sie zum Instrument seiner Heiratspolitik.

Kurz vor Kriegsende profilierte sie sich angesichts der drohenden Gefangenschaft durch ihre couragierte Haltung, was ihr die Bewunderung der Nachwelt eintrug. 1669 schrieb Daniel Casper von Lohenstein ihre Biographie in seinem Drama ein. Die neuesten dramatischen Bearbeitungen des Themas stammen von Abdelaziz Ferrah (2005) und Thomas Geisler (2006). Außerdem widmete ihr Christoph Willibald Gluck eine Oper und ihr Selbstmord war auch in der bildenden Kunst ein beliebtes Motiv, unter anderem bei Rembrandts Gemälde, das in Madrid im Prado zu sehen ist. Wer holt „Sophonisbe“ wieder vor den Vorhang?

Infos: Barockdramen im Theater

„Das Leben ein Traum“ im Burgtheater

„Moliéres Schule der Frauen“ am Landestheater Niederösterreich

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