Klassik für Kinder: Wie das Publikum im Musikverein mitwächst

Seit mehr als 30 Jahren lädt der Musikverein Kinder und Jugendliche ein. Rund 200 Veranstaltungen werden pro Saison dem jungen Publikum angeboten.

von Redaktion, 4. November 2020

Klassik für Kinder: Wie das Publikum im Musikverein mitwächst
Der Posaunist Albert Landertinger vermittelt mit der Musikmaus Topolina im Wiener Musikverein Kindern klassische Musik. Foto: Igor Ripak

„Musik ist Bewegung – und vor allem Kinder nehmen Musik besonders gut wahr, wenn sie sie selbst spüren“, sagt Albert Landertinger. Der Posaunist und Musikvermittler weiß, wovon er spricht. Seine Kinderkonzerte mit der Musikmaus Topolina sind längst Fixstarter im Programm des Musikvereins. Für viele Kinder ist es der erste Kontakt mit dem Haus, in dessen Goldenem Saal die bedeutendsten Orchester der Welt auftreten.

Kuschelmaus im Musikverein

Im Metallenen Saal, einem der vier unterirdischen Neuen Säle, werden die jungen Besucher ab drei Jahren zu kleinen Klassik-Fans. Wie bringen Landertinger und Kollegen ihnen bekannte Melodien aus Opern, Balletten und Unterhaltungsmusik ebenso nahe wie Walzer und Polkas? Während Landertinger diese mit einer Hand voll Mitgliedern des Bruckner Orchesters Linz spielt, animiert er gemeinsam mit der Kuschelmaus Topolina. Gemeinsam wird zur Musik getanzt, gesungen, Pizza gebacken, Seilbahn gefahren oder wie ein Eichhörnchen Nüsse gesammelt.

Kompositionen aus verschiedenen Jahrhunderten

Landertinger geht es darum, jungen Zuhörern hier und im Ableger „Albertos Abenteuer“ für Kinder ab sechs Jahren Kompositionen aus verschiedenen Jahrhunderten und Stilen näher zu bringen – spielerisch, verbunden mit einer fesselnden Handlung und Mitmach-Aktivitäten. „Meine Hauptintention ist es, die Kinder richtig in Geschichte und Musik eintauchen zu lassen. Durch Bewegung und das eigene Tun geht das viel leichter von der Hand“, sagt Landertinger. „Und gerade die Kleinen wollen ja nicht lange stillsitzen. Wenn sie sich bewegt haben, funktioniert es auch, dass sie danach wieder ein paar Minuten lang ruhig zuhören.“

Rund 200 Veranstaltungen für junges Publikum sind es, die im Musikverein pro Saison angeboten werden. Auch bei Marko Simsa und Vahid Khadem-Missagh holen sich die Klassik-Fans von morgen Lust auf mehr. Vor allem ist in den Neuen Sälen im Keller des Hauses und im Brahms-Saal Mitmachen angesagt. Die Angebote reichen bis zu „Capriccio“ für über 13-Jährige und zu den von Marko Simsa moderierten „Klassik-Hits im Goldenen Saal“.

Simsa ist seit Anbeginn der Kinderkonzerte vor mehr als 30 Jahren dabei, als dem ehemaligen Intendanten Thomas Angyan wichtig war, jungen Musikbegeisterten große Kompositionen auf altersgerechte Art näher zu bringen.

Musik und Zauberstücke

Einen zauberhaften Zugang zur klassischen Musik bietet Vadim Khadem-Missagh an, er verbindet Musik gerne mit Zauberkunststücken. In seinem aktuellen Programm will er mit seiner Geige, die er „Stradivahid“ nennt, einen Grafen verzaubern und auf dessen Geburtstagsfest auftreten.

Jazzig-verspielt wird es bei der Neuproduktion des Musikvereins, für die Sarah Jeanne Babits das Märchen „Der gestiefelte Kater“ neu interpretiert. Johannes Berauer hat eigens Musik dafür komponiert, es spielt das Ensemble CrossNova, wobei jedem Instrument ein Charakter zugeordnet ist: Das Klavier dem König, der seinen Frust am Esstisch vertreibt, die Violine der selbstbewussten, aufbegehrenden Prinzessin, die Klarinette dem Diener und das Fagott Hans, der auf der Suche nach dem Glück ist und dem der gestiefelte Kater hilft.

Schrammelmusik und musikalische Weltreise

Für Kinder ab drei Jahren gibt es im Musikverein außerdem die Reihe „Agathes Wunderkoffer“. In dem stellt besagte Agathe alias Veronika Mandl Schrammelmusik ebenso vor wie Musik aus Indien und Westafrika. Und im Zyklus „Kling Klang“ präsentiert Hanne Muthspiel-Payer Instrumentenfamilien und ihre Eigenheiten. In allen Konzerten werden Eintauchen und Aktivwerden großgeschrieben.

Wie aber sind diese Mitmach-Konzerte in Zeiten von fixen Sitzplätzen und Abstand-Halten möglich? „Mir ist es wichtig, dass die jungen Zuhörer trotz aller Vorschriften in Bewegung bleiben“, sagt Landertinger. „Ich kann natürlich derzeit nicht mit 20 Kindern auf einmal auf der Bühne einen Nilpferd-Tanz machen, wie wir das normalerweise tun, aber jeder kann auf seinem eigenen Platz mittanzen, auf dem eigenen Sessel trommeln oder im kleinen Radius rund um diesen wie ein Eichhörnchen Futter suchen.“

Während „Topolina baut ein Schloss“ im Dezember Besinnliches bringen soll, wird im April in „Topolina in der Werkstatt“ nach Herzenslust repariert und geschraubt – und das zu Musik von Léo Delibes, Johann Strauß, Richard Wagner und anderen.

Die Älteren ihrerseits landen bei „Albertos Abenteuer“ im Jänner planmäßig im Wilden Westen, unter anderem mit Musik von Aaron Copland, Antonín Dvořák und Leroy Anderson, sowie im März im „Zauberwald“ mit Ausschnitten aus dem „Sommernachtstraum“, wobei „ich da ein wenig schwindle und manches weglasse, da darf man nicht zu streng sein“, sagt Landertinger mit eben jenem verschmitzten Lächeln, das die Kinder von klein auf aus seinen Topolina-Konzerten kennen und mit dem sie ihre ersten Erlebnisse hochqualitativ gespielter klassischer Musik verbinden – und vor allem: den großen Spaß, den sie dabei hatten.

Weitere Informationen

Zum Kinder- und Jugendprogramm des Wiener Musikverein

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