Zeitlos schön und schmerzhaft aktuell

George Gershwins "Porgy and Bess" feiert Premiere am Theater an der Wien. Rassismus, Armut, Gewalt: Für Regisseur Matthew Wild sind die Themen der 1935 uraufgeführten Oper aktueller denn je.

von Julia Schilly, 14. Oktober 2020

Zeitlos schön und schmerzhaft aktuell
Jeanine de Bique (Bess) und Eric Greene (Porgy) sind die Hauptdarsteller in George Gershwins Oper. Foto: Theater an der Wien/Monika Rittershaus

Das schöne Leben – es bleibt ein Traum in der Catfish Row. Rassismus, bittere Armut und Gewalt gegen Frauen bestimmen den Alltag der Bewohnerinnen und Bewohner. George Gershwins „Porgy and Bess“ hat nach 85 Jahren nichts an Brisanz verloren. Die 1935 uraufgeführte Oper zeigt das Leben von Afroamerikanern in einer Armensiedlung. Gershwin wollte bewusst nur schwarze Künstlerinnen und Künstler auf der Bühne haben. Der Südafrikaner Matthew Wild führt Regie bei der aktuellen Inszenierung von „Porgy and Bess“ im Theater an der Wien. In seiner Heimatstadt Capetown kam er mit dem Werk bereits in Berührung. Mit der BÜHNE sprach er über die universelle Geschichte von „Porgy and Bess“, die Black Lives Matter-Bewegung und wie man populäre Lieder in eine Oper einbettet, ohne dass sie wie ein Fremdkörper wirken.

Eric Greene ist in der Titelrolle des Porgy in der Oper „Porgy and Bess“ im Theater an der Wien zu sehen. Foto: Theater an der Wien/Monika Rittershaus

BÜHNE: 1935 wurde George Gershwins Werk das erste Mal aufgeführt. Seither ist „Porgy and Bess“ nie wieder von den internationalen Bühnen verschwunden. Wo liegt die Magie des Werks, das es uns bis heute verzaubert?

Matthew Wild: Es hat so viele Nummern, wie zum Beispiel „Summertime“ oder „I love you, Porgy“. Aber ich denke, dass viele Menschen noch nie das gesamte Werk auf der Bühne gesehen haben. In Südafrika haben wir eine lange Tradition mit der Oper. Gerade in Capetown haben wir viele unterschiedliche Produktionen in den vergangenen 85 Jahren.

Für mich ist es interessant, dass viele Produktionen in den 1920ern in Charleston angesiedelt sind. Ich denke, dass die Zeit reif für neue Ansätze ist. Also „Porgy and Bess“ nicht als große amerikanische Oper zu sehen, sondern nach der universellen Geschichte im Zentrum des Werkes zu suchen. Ich denke, diese Geschichte hat auch Bedeutung für andere Orte der Welt.

Was ist sie nun – diese universelle Geschichte?

Mein Verständnis von Porgy und Bess ist stark davon geprägt, dass ich Südafrikaner bin und von der Aufführungspraxis. Für uns hatte das Werk immer ein starkes politisches Moment. Die Oper ist ein Art Ruf nach Gleichberechtigung. Es wurde am Ende der Apartheit sehr häufig aufgeführt.

Die universelle Geschichte ist jene einer Gemeinschaft, die wirtschaftlich ausgeschlossen ist. Es geht um Ungleichheit und nach einen Ruf nach einer gerechteren und gleicheren Gesellschaft.

„Porgy and Bess“ für ein modernes Publikum

2020 ist das Jahr von Black Lives Matter. Hat das eine Auswirkung auf die Inszenierung?

Black Lives Matter und alle Aspekte, die damit zusammenhängen, werden sicherlich die Art und Weise, wie das Publikum das Werk rezipiert beeinflussen. Wir wussten von Anfang an, dass wir die Handlung von den 1920ern weg – und so nahe wie möglich an ein modernes Publikum heranbringen wollen. Unsere Behandlung des Stoffes ist sehr zeitgenössisch. Die Produktion will sehr klar machen, dass Rassismus nichts ist, das weit weg ist und historisch ist. Das passiert alles heute auch. Unser Ziel ist es, dass das Publikum die Vorführung genießt, aber auch, dass sie sich mit ein paar harte Fragen konfrontiert sehen.

Die Catfish Row wird zm Containerdorf: In der oberen Reihe sind von links nach rechts April Koyejo (Strawberry Woman), Ernestine Stuurman (Woman 3), Rachel Oyawale (Woman 2) zu sehen. In der zweiten Reihe von links nach rechts.: Njabulo Madlala (Jim), Busisiwe Ngejane (Woman 4), Themba Mvula (Frazier), Simone Ibett-Brown (Woman 3), Lola Oduwole (Woman 6), Msimilelo Mbali (Undertaker), Donna Bateman (Woman 1), Zolina Ngejane (Woman 8) und Abongile Fumba (Woman 7). Vor den Container sind von links nach rechts: Simphiwe Mayeki (Man 2), Lusindo Dubula (Man 1), Luvo Rasemeni (Man 3), Bernardo Ramos Coca (Dancer 1), Edith Morales Sen (Dancer 3), Eric Greene (Porgy), Jeanine de Bique (BessI, Siphesihle Mdena
(Nelson/(Crabman), Sarah Jane Lewis (Annie), Anderson Pinhiero da Silva (Dancer 2). Foto: Theater an der Wien/Monika Rittershaus

Macht es das schwieriger oder einfacher eine Oper aufzuführen, die so bekannte Lieder beinhaltet?

Die Menschen kennen die Melodien oft auch aus anderen Versionen: Jazzsetting, Barbara Streisand. Es sind Melodien, die so oft und vielseitig transformiert wurden. Für das Publikum kann es auch oft eine große Überraschung sein, die Originalversion zu hören und mitzubekommen, dass die Songs Teil einer Textur einer gesamten Oper sind. Unser Fokus ist jedoch, die Geschichte zu erzählen und die Songs so einzubetten, dass sie nicht komisch hervorspringen.

Welche Chancen haben Stücke wie „Porgy und Bess“, um ein jüngeres Publikum anziehen. Oper hat in diesem Bereich ja teilweise ein Problem. Sehen Sie das auch als Chance?

Auf jedenfall. Um ehrlich zu sein, spricht das Werk wohl eine sehr Breite Hörerschaft an. Wir haben das Stück schon an viele Orte der Welt gebracht. Und wir haben immer eine starke Reaktion des Publikums gespürt.

Termine und Karten: Porgy & Bess

15 / 16 / 17 / 18 / 20 / 21 / 22 / 23 / 24 Oktober 2020, 19 Uhr, Theater an der Wien

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