Eugen Onegin intim in der Wiener Staatsoper

Dmitri Tcherniakovs berühmt-berüchtigte Inszenierung mit neuen Gesichtern: Tschaikowski Oper „Eugen Onegin“ wird zum Glanzpunkt zwischen Faszination und Abgrund.

von Redaktion, 27. Oktober 2020

Eugen Onegin intim in der Wiener Staatsoper
Geschlossene Gesellschaft: Im Zentrum der Inszenierung der Oper "Eugen Onegin" steht ein langer Tisch im abgeriegelten Speisesaal, der die Entfremdung der Figuren fühlbar machen soll. Im Bild ist die Inszenierung vom Bolschoi-Theater in Moskau zu sehen. Foto: www.picturedesk.com

Aufsehenerregend: Das war Dmitri Tcherniakovs Inszenierung von „Eugen Onegin“ von Anfang an. 2006 brachte er sie am Bolschoi-Theater Moskau heraus, bis heute gilt sie als berühmt-berüchtigter Glanzpunkt seiner Arbeit und wurde auch in Paris, London, New York und Tokio ­gezeigt.

Fokus auf Psychologie der Charak­tere

Für Faszination und Kontroverse glei­chermaßen sorgte Tcherniakov, indem er das komplette Geschehen rund um die verliebte Tatjana, den dandyhaften, sie zurückweisenden Onegin und sei­nen besten Freund Lenski in einem hermetischen, klassizistischen Speisesaal ablaufen lässt. Sein Fokus liegt auf der Psychologie der Charak­tere, die Piotr Tschaikowski in seinen „lyrischen Szenen“ nach Puschkins Romanvorbild in Musik fasste.

In der Einstudierung der Wiener Staatsoper gibt es einige neue Gesichter zu entdecken: Andrè Schuen wird als Onegin im Haus am Ring debütieren. Als Olga ist Anna Goryachova zu sehen, Bogdan Volkov gibt Lenski, Dimitry Ivashchenko Fürst Gremin. Dirigent der Neuproduktion ist Tomáš Hanus.

In „Eugen Onegin“ stellt sich Andrè Schuen dem Zwiespalt zwischen dem jungen und dem reifen Dandy. Foto: Guido Werner

Neu im Ensemble der Staatsoper

Guglielmo, Don Giovanni, Figaro – der Weg des Andrè Schuen ist von Mozart-Rollen geprägt. Zuletzt begeisterte er in „Così fan tutte“ bei den Salzburger Festspielen und an der Bayerischen Staatsoper München. Ein fulminanter Start in eine Saison, die für Schuen Großes bereithält. Als neues Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper stellt sich der Sänger gleich in der Titelrolle von „Eugen Onegin“ vor. Es folgen Marcello in „La Bohème“, Graf Almaviva in „Le Nozze di Figaro“ und Papageno in „Die Zauberflöte“.

„Die Rollen sind fantastisch. Ich bin froh, dass ich sie schon gesungen habe und dass es Partien aus verschiedenen Fächern, in verschiedenen Sprachen sind“, sagt er. „Für mich ist es wichtig, Partien mit Bedacht zu wählen, gesangstechnisch und musikalisch zu reifen.“

Sympathische Darstellung des Onegin

Sang er bisher oft die Titelrolle in „Le Nozze di Figaro“, etwa während seiner Ausbildung am Mozarteum und später auch am Theater an der Wien, sehe er nun eine Entwicklung in seiner Stimme, die den Grafen als passender erscheinen lässt. „Ich habe aber nach wie vor beide im Repertoire.“

Auf den „Eugen Onegin“, den er bisher nur konzertant sang, freut er sich besonders: „Ich habe oft das Gefühl, dass Onegin zu unsympathisch dargestellt wird. Ich empfinde ihn anfangs als jungen Mann auf der Suche, der wirklich glaubt, nicht zu einer Beziehung fähig zu sein. Das sagt er offen und nicht mit großer Sensibilität. Aber ich denke nicht, dass Onegin dies berechnend tut. Ich bin sehr gespannt auf Tcherniakovs Sicht“, so Schuen.

Kontrast zwischen Wärme und Distanz

Wie Onegin Wärme und Eleganz, aber gleichzeitig Distanziertheit ­ausstrahlen könne? „Das ist sicher etwas, woran zu arbeiten sein wird. Aber ich denke, dass ein großer Teil dieses Zwiespalts schon in der Musik ­Tschaikowskis hineinkomponiert ist und man daraus schöpfen kann. Besonders reizvoll ist der Bruch zwischen dem jungen, distanzierten Onegin und dem reiferen, der nun selbst bitterste Abweisung erfährt.“

Für die nähere Zukunft sieht Schuen nach wie vor Mozart als sein Kernrepertoire. „Ich denke, dass es für mich gut ist, von seinen Rollen auszugehen und mein Repertoire langsam in verschiedene Richtungen zu ­erweitern, beispielsweise in Richtung Wolfram in ‚Tannhäuser‘ und Posa in ‚Don Carlo‘. Ansonsten wären Malatesta in ‚Don Pasquale‘, Enrico in ‚Lucia di Lammermoor‘ und Valentin in ‚Faust‘ weitere Ideen, die ich gut fände.“

Und entfernte Traumrollen? „Johanaan, Mandryka, Jago, Conte di Luna, Wozzeck … ob und wann es dazu kommen wird, muss die stimmliche Entwicklung zeigen.“

Steckbrief: Andrè Schuen

  • Alter: 36 Jahre, aus La Val (Südtirol)
  • Bariton: Sang im Ensemble in Graz und dann u. a. Figaro, Don Giovanni und Guglielmo in Wien, in „Capriccio“ in Madrid, Papageno in Tokio und München, Don Gio­vanni in Nancy und Hamburg, ­Onegin in Lissabon.
  • Demnächst: Marcello in „La Bohème“, Graf Almaviva in „Le Nozze di Figaro“, ­Papageno in „Die Zauberflöte“ an der Wiener Staatsoper, die Titelrolle in „Figaro“ in Aix-en-Provence.

Umbesetzung

In der aktuellen Produktion von »Eugen Onegin« unter der Regie von Dmitri Tcherniakov (Premiere: Sonntag 25. Oktober 2020) kommt es zu einer Umbesetzung. Tamuna Gochashvili, die in der Produktion als Tatjana ihr Hausdebüt gefeiert hätte, ist aus gesundheitlichen Gründen gezwungen, dieses nun zu verschieben.

Die Rolle der Tatjana übernimmt die australische Sopranistin Nicole Car. Car gilt als eine der führenden Sopranistinnen ihrer Generation. Zu ihren jüngsten Engagements zählen Auftritte an der Metropolitan Opera, am Royal Opera House London und an der Opéra National de Paris als Mimì in »La Bohème«, ebendort als Micaëla in »Carmen«, sowie – unter der Leitung von Philippe Jordan – als Donna Elvira in »Don Giovanni«.

Termine und Karten

„Eugen Onegin“ in der Wiener Staatsoper
seit 25. Oktober, 19 Uhr

wiener-staatsoper.at