Sandra Cervik: „Thomas Bernhard kommt nie aus der Mode“

Die Kammerschauspielerin feiert Donnerstagabend im Theater in der Josefstadt mit Thomas Bernhards "Der deutsche Mittagstisch" Premiere. Warum die politisch zugespitzte Farce aktueller denn je ist, erzählt sie im Gespräch mit der BÜHNE.

von Julia Schilly, 17. September 2020

Sandra Cervik: „Thomas Bernhard kommt nie aus der Mode“
Kammerschauspielerin Sandra Cervik ist seit 20 Jahren Ensemblemitglied des Theaters in der Josefstadt. Foto: Theater in der Josefstadt/Jan Frankl

Mit der Premiere von Thomas Bernhards „Der deutsche Mittagstisch“ debütiert Claus Peymann Donnerstagabend im Theater in der Josefstadt und eröffnete damit die neue Spielzeit des Hauses. Sandra Cervik ist in der politisch zugespitzten Farce zu sehen sein. Es gehe um Alltagsfaschismus und wie so etwas entsteht – „was Thomas Bernhard ja immer beschäftigt hat“, skizziert Cervik den Grundtenor der sieben Dramolette.

Sandra Cervik über Thomas Bernhard, „Der deutsche Mittagstisch“ und die coronabedingte Zwangspause am Theater.

Kleine Szenen zu großen Themen

Entstanden sind die Stücke zwischen 1977 und 1981, „Alles oder nichts“ wird in Österreich zum ersten Mal aufgeführt. In den Miniaturen spielt Bernhard gekonnt mit den Gegensätzen aus schwarzem Humor und Leichtigkeit. „Die Szenen ziehen sich durch alle Milieus“, sagt Cervik. Verhandelt wird Angst, Frustration, Einsamkeit – und wie daraus der Hass auf Fremde und Fremdes entsteht.

Wie ist es Thomas Bernhard in der aktuellen Zeit in Wien zu spielen? „Thomas Bernhard ist ein immer aktueller Autor. Er ist ein Sprachkünstler, das kann gar nicht richtig aus der Mode kommen“, sagt Cervik. Auch in Zeiten, in denen die Menschen durch die Covid-19-Maßnahmen sehr beschränkt wurden, ist das Thema aktueller denn je, sagt die Schauspielerin: Was für Tendenzen entstehen da? Wer lässt sich was gefallen?

Das zweite Stück, in dem Sandra Cervik in diesem Herbst noch auf der Bühne der Josefstadt stehen wird, ist das Konzert. Sie spielt mit ihrem Mann Herbert Föttinger, dem langjährigen Direktor des Theaters in der Josefstadt, ein Ehepaar. Diese Bühnenbeziehung ist – ohne zu viel zu verraten – mehr als zerrüttet. Wieviel Arbeit nimmt das Schauspielerpaar mit nach Hause? „Um Himmelswillen. Wir proben natürlich nicht zu Hause, das ist ja eine entsetzliche Vorstellung“, sagt Cervik und lacht. „Man soll sich auch ein bisschen Auszeiten gönnen“, ergänzt sie. Ansonsten funktioniere die Zusammenarbeit sehr gut, sagt die Kammerschauspielerin: „Wir kennen uns natürlich wahnsinnig gut. Das schafft auch ein Vertrauensverhältnis, das das Zusammenspiel sehr lustvoll macht.“

Aus „Alles oder nichts“, eines der sieben Dramolette von „Der deutsche Mittagstisch“: André Pohl, Marcus Bluhm, Raphael von Bargen, Bernhard Schir und Sandra Cervik Foto: Theater in der Josefstadt/Philine Hofmann

Zur Person

Sandra Cervik, 53, studierte am Konservatorium der Stadt Wien unter der Leitung von Elfriede Ott. Einem breiteren Publikum wurde sie durch ihre Rolle als Bezirksinspektorin Antonella Simoni in der Fernsehserie Stockinger bekannt. Seit 2000 ist sie Ensemblemitglied des Theaters in der Josefstadt und dreht weiterhin für Film und Fernsehen. 2015 gab Cervik ihr Regiedebüt am Theater der Jugend. 2017 wurde ihr der Berufstitel Kammerschauspielerin verliehen. Seit 2018 ist sie Dozentin am Max Reinhardt Seminar. Seit 1997 ist sie mit Theaterdirektor und Schauspieler Herbert Föttinger verheiratet.

Zu den Vorstellungen

Der deutsche Mittagstisch
Premiere am Donnerstag, 17. September 2020, 19.30 Uhr

Das Konzert
Premiere am Donnerstag, 15. Oktober 2020, 19:30 Uhr