Sturm und Spieldrang: Hannah Rang im Porträt

Als Teil des „FTZN" Kollektivs arbeitet Hannah Rang gerade an einer neuen Stückentwicklung, bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf steht sie noch bis Ende Juli auf der Bühne. Eine gute Mischung, findet die MUK-Absolventin.

von Sarah Wetzlmayr, 16. Juli 2021

Sturm und Spieldrang: Hannah Rang im Porträt
Volles Programm: Bis 31. Juli ist Hannah Rang noch bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf zu sehen, danach mit ihrem Kollektiv beim Theaterfestival Hin & Weg in Litschau. Foto: Marco Sommer

Eigentlich wäre es am 30. Juni, dem geplanten Eröffnungstag der diesjährigen Sommerspiele Perchtoldsdorf, ja darum gegangen, das Premierenpublikum im Sturm zu erobern. Und zwar mit Veronika Glatzners Inszenierung des Kleist-Klassikers „Der zerbrochne Krug“. Daraus wurde jedoch nichts, denn an genau diesem Abend eroberte nach tagelanger Hitzewelle der Sturm den Osten Österreichs und die Premiere musste abgeblasen werden. Nicht ganz natürlich, denn schon am nächsten Tag standen in der Marktgemeinde im Süden Wiens alle Zeichen auf Sommertheater.

Hannah Rang, die in Perchtoldsdorf in die Rolle der Eve schlüpft, kann mittlerweile darüber lachen. „Wir sind gemeinsam von Wien nach Perchtoldsdorf gefahren und hatten noch Hoffnung, dass sich das Unwetter vielleicht wieder verzieht. Links war noch strahlender Sonnenschein, rechts schon alles dunkel.“ Eine Stunde vor Vorstellungsbeginn wurde die Aufführung schließlich abgesagt. Sehr zu Erleichterung der in Frankfurt am Main geborenen Schauspielerin kam es danach zu keinen weiteren Verschiebungen mehr. „Und auch die anfängliche Aufregung hat sich immer mehr gelegt“, ergänzt sie lachend.

Phillipp Laabmayr und Hannah Rang bei den Proben für „Der zerbrochne Krug“. Foto: Michael Sturminger

Ein Monolog als Statement

Es ist eine ihrer ersten Rollen nach Abschluss des Schauspielstudiums an der MUK. Wie es da mit Welpenbonus aussieht? „Ein bisschen vielleicht, aber für mich war es auch Druck, weil ich dachte, dass ich allen beweisen muss, dass ich da wirklich hingehöre. Das war aber nur mein Eindruck und kam überhaupt nicht von den anderen, die mich total herzlich aufgenommen haben“, so die Schauspielerin.

Kleists 1808 uraufgeführtes Stück, das sich nur scheinbar rund um einen zerbrochenen Krug entspinnt, eigentlich aber von Korruption, Machtmissbrauch und sexueller Nötigung handelt, wird in Perchtoldsdorf von der Schauspielerin und Regisseurin Veronika Glatzner inszeniert. Für Hannah Rang ist es ein wichtiges Signal, dass der Schlussmonolog, in dem Eve sich selbst und ihre Handlungen erklärt, Teil der Inszenierung ist. Kleist hatte ihn, nachdem das Stück bei der Uraufführung in Weimar radikal durchgefallen war, eigentlich herausgenommen.

Hannah Rang als Eve auf der Bühne in Perchtoldsdorf. Foto: Alexi Pelekanos

„Gib mir ein F“

„Ich habe lange gebraucht, um diese Rolle zu knacken, weil Eve so unter Druck steht, dabei aber total standhaft ist. Dazu kam auch die Frage, wie man eine Frau spielt, die sexuelle Nötigung erfahren hat. Ein bisschen kennt das ja leider jede Frau, aber in dieser Form musste ich das glücklicherweise noch nie durchmachen“, erklärt Hannah Rang. Wie Männer ihre Machtpositionen behaupten und ausnützen, hat die Schauspielerin in der Probenarbeit am meisten beschäftigt.

Dass parallel zur Arbeit an Kleists vielgespieltem Lustspiel vier Aufführungen von „Gib mir ein F“ stattgefunden haben, einer feministischen Stückentwicklung des „FTZN Kollektivs“, das von den Schauspielerinnen Hannah Rang, Runa Schymanski und Benita Martins und der Regisseurin Fritzi Wartenberg gegründet wurde, hat für die Schauspielerin gut gepasst. „Im Kosmos Theater dieses Stück zu spielen und anhand der Reaktionen des Publikums zu merken, wie wichtig es ist, über Feminismus zu sprechen, hat mir auch für die Arbeit in Perchtoldsdorf sehr viel Sicherheit gegeben.“

Beim heurigen „Hin & Weg Festival“ in Litschau, das am 13. August eröffnet wird, wird „Gib mir ein F“ wieder zu sehen sein. Außerdem eine weitere Stückentwicklung des Kollektivs. „Zum großen Thema Liebe“, fügt Hannah Rang lachend hinzu. Sie möchte außerdem nicht verleugnen, dass der sogenannte zweite Streich ein bisschen Druck verursacht. „Nur weil uns das erste Stück geglückt ist, dürfen wir uns beim zweiten Stück nicht zu viel Druck machen. Der Spaß daran soll auf keinen Fall verloren gehen. Außerdem möchten wir auf keinen Fall in Hierarchien rutschen. Es ist nicht so einfach, es wirklich in dieser kollektiven Arbeit durchzuziehen, weil man die Hierarchien ja auch vorgelebt bekommt.“

Das Kollektiv „FTZN“ bestehend aus Benita Martins, Hannah Rang, Runa Schymanski und Fritzi Wartenberg. Foto: Tina Graf

Feministische Grundlagen

Vom Theater wünscht sich die 1996 geborene Wahl-Wienerin, dass Schauspieler:innen noch stärker Teil des künstlerischen Prozessen werden. Da stünden die Zeichen momentan gar nicht so schlecht. „Deswegen machen Stückentwicklungen auch so viel Spaß. Man trägt etwas zur Entstehung bei. Mit fertigen oder fast fertigen Konzepten zu arbeiten, ist aber auch spannend. Am liebsten wäre mir eine Mischung.“ Wichtig ist Hannah Rang aber auch, dass es eine Botschaft gibt, „man weiß, was man mit dem Stück will.“ Darüber hinaus fände sie es begrüßenswert, wenn es eine Form von Wissensstandard bei den Themen Genderkompetenz und feministische Grundlagen gäbe. „Ich merke, dass mir das hilft mit klassischen Frauenrollen umzugehen“, erklärt sie ihren Ansatz. „Selbst wenn man nicht in den Text eingreifen kann, hilft dieses Wissen dabei, zu verstehen, warum manche Handlungen und Textpassagen so sind wie sie sind. Und ich glaube auch, dass eine feministische Grundhaltung immer auf eine bestimmte Art und Weise in die Rolle miteinfließt. Plötzlich spielt man keine unterwürfige Frau mehr oder weiß zumindest, warum man sie spielt.“

Wie eine solche Auseinandersetzung aussehen kann, wurde für Hannah Rang in der Zusammenarbeit mit Veronika Glatzner deutlich. „Wir haben sehr viel darüber gesprochen, warum die Männer in dem Stück so sind wie sie sind“, merkt sie abschließend an. „Außerdem ist es ein eindeutiges Zeichen, dass Eves Monolog am Schluss Teil der Inszenierung ist.“ Vielleicht stoßen solche Entwicklungen und Auseinandersetzungen ja einen „wind of change“ am Theater an. Möglicherweise sogar einen Sturm. Aber einen der guten Sorte.

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