Auf der Bühne und zu Hause: Streit ist ehrlicher als Harmonie

„Kiss me, Kate“ und „Die lustige Witwe“ stehen ab September in der Volksoper wieder am Spielplan. Die vier Hauptdarsteller haben einander in der Kantine getroffen und sind sich einig: Streiten ist wichtig.

von Theresa Steininger, 2. September 2020

Auf der Bühne und zu Hause: Streit ist ehrlicher als Harmonie
Andreas Lichtenberger (rechts) ist in der aktuellen Spielsaison wieder als Fred in "Kiss me, Kate" zu sehen. Barbara Palffy/Volksoper Wien

Rebecca Nelsen: Schön, euch zu ­sehen. Wie laufen die Proben zu „Kiss me, Kate“? Witzig, dass die Stücke, die wir gerade proben, so viele Parallelen haben. Fast könnte man meinen, Kate sei die Reinkarnation der Hanna aus der „Lustigen Witwe“.

Ursula Pfitzner: Ja, eigentlich könnten wir beide ­Stücke zusammenführen – unter dem ­Motto: Wie viel Streit braucht eine Liebesbeziehung?

Nelsen: In beiden ist das Liebesschachspiel sehr präsent. Es geht darum, wer den ersten Schritt macht. Hanna fordert Danilo immer auf, „Ich liebe dich“ zu sagen, aber sie sagt es nie. Er schreit sie an vor Wut und wirft ihr Camille entgegen mit dem Ausruf: „Nimm dir ihn!“

Rebecca Nelsen und Alexandre Beuchat (links) mit Andreas Lichtenberger und Ursula Pfitzner in der Kantine der Wiener Volksoper. Foto: Gregor Kuntscher

Pfitzner: Macht Alexandre das? (Zu ­Beuchat:) Das musst du machen. Das ist eine Schlüsselszene, in der du die Fassung verlierst und Hanna endlich weiß, dass du sie liebst.

Alexandre Beuchat: Ja, aber Danilo geht zu weit. In Wahrheit ist „Die lustige Witwe“ ein ständiger Streit ­zwischen allen Figuren. Die Reibungen machen das Stück jedenfalls spannend.

„Wenn von Anfang an alles klar ist, braucht es das Stück nicht.“

Rebecca Nelsen

Andreas Lichtenberger: Das ist wahr. Sehr viele Stücke funktionieren durch Konflikte, aber „Witwe“ und „Kate“ sind wie Stoffsammlungen zum Thema Streit. Das hört nie auf, selbst beim Schlusskuss in „Kate“ beißt Lilli Fred in die Lippe.

Nelsen: Wenn von Anfang an alles klar ist, braucht es das Stück nicht.

Lichtenberger: Ja, aber man kann sich nicht die ganze Vorstellung lang nur anschreien. Der Regisseur muss ­Wellen reinbringen. Selbst wenn in Wirklichkeit vielleicht viel geschrien wird, will das auf der Bühne niemand sehen. Wenn bei uns in „Kiss me, Kate“ Lilli zu Fred sagt, seine Artikulation sei immer mies gewesen, dann ist das gar nicht der lauteste Punkt. Aber jeder, der weiß, dass er auf seine Aussprache stolz ist, versteht, dass das unter die Gürtellinie ging.

Pfitzner: Das zeigt das hitzige Temperament der beiden, es brodelt ständig, wie bei Hanna und Danilo …

Nelsen: … dass es vor Energie nur so sprüht.

Lichtenberger: Problematisch wird es, wenn der Bühnenpartner einem etwas übelnimmt.

Nelsen: … oder zu ernst.

„Streit nützt einer Beziehung.“

Ursula Pfitzner

Pfitzner (zu Nelsen und Beuchat): Ihr wart noch nie ein Liebespaar, oder? Alexandre und ich waren eines, gleich bei unserer ersten Begegnung. Da gab’s dann bei der Probe zu „Hoffmanns Erzählungen“ eine Kuss-Szene. Alexandre küsste mich wie vorgeschrieben, und ich brach ab und sagte: „Grüß dich, ich heiße Ursula!“ (Allgemeines Gelächter.) Wenn man einander kennt, kann man viel besser Dinge ausprobieren. Die Streitszene ist das Interessanteste.

Lichtenberger: Die Emotion des Streits bringt Themen hervor, die sonst untergehen würden. Man ist im Streit ehrlicher als in der Harmonie.

Nelsen: Und gerade wegen dieser Energie liebt das Publikum die Stücke. Sie brauchen das Theater, um manches auszuleben, was es zu Hause nicht gibt.

Pfitzner: Streit nützt einer Beziehung.

Beuchat: Natürlich, Streit ist aufwendig, hässlich und mühsam, aber es bedeutet auch mehr. Wenn die Beziehung es nicht wert ist zu streiten, geht man einfach. Danilo und Hanna, Lilli und Fred bleiben, weil sie einander wichtig sind. Das Wiedersehen von Hanna und Danilo wird zur Explosion. Sie kennen einander einfach so gut und haben so viel Hintergrundgeschichte.

„Ohne Frustration ist das Glück halt auch nicht so groß.“

Alexandre Beuchat

Lichtenberger: Das machen Lilli und Fred ganz deutlich, indem beide das gleiche Lied singen – sie am Anfang als hoffnungsvoller Ausblick, er am Ende als Schlussstrich. Der Sinn von „Ich bin dein für alle Zeit“ dreht sich völlig um.

Beuchat: Ohne Frustration ist das Glück halt auch nicht so groß.

Lichtenberger: Ja, da weißt du es nicht zu schätzen.

Pfitzner: Alle vier sind feig und haben Angst vor dem, was passieren könnte.

Lichtenberger: Trotzdem ist es am Ende nicht so, dass die Frauen sich aufgeben. Die Unterwerfung ist ja mit Augenzwinkern gespielt, Lilli singt als Kate den devoten Text, zwingt Fred aber dabei auf die Knie und tritt ihm auf die Hand. Sie ist von Anfang an so stark aufgebaut, dass niemand glaubt, dass sie devot wird. So macht man alle Zuschauer glücklich. Die Männer, die sagen: Schau, wie demütig sie geworden ist. Und die Frauen, die sagen: Sie zeigt ihm, wo es langgeht.

Nelsen: Emanzipation kann ja auch sein, dass jemand wie Hanna das eigene Leben in die Hand nimmt. Es gibt wenig so Starkes, wie die Macht über sein eigenes Schicksal zu übernehmen.

Pfitzner: Für Männer sind doch starke Frauen interessanter, stimmt’s?

Lichtenberger: Man will ja stolz sein auf seine Frau. Bei Fred sieht man, dass er Lilli genau für das Unberechenbare liebt. Und anhand von Lois Lane sieht man, was er mit unterwürfigen Frauen macht.

„Indem wir nicht alles zeigen, werden wir Animateure für die Fantasie des Zuschauers.“

Andreas Lichtenberger

Beuchat: Das ist ja sehr ähnlich der Situation, als Danilo zur Ablenkung ins Maxim geht. Aber er merkt, dass es dort nicht passt. Die beiden Männer tun sich das alles ja aus einem bestimmten Grund an. Sonst würden sie nicht so dranbleiben.

Pfitzner: Beide Stücke zeigen nur einen kurzen Ausschnitt einer langen Liebesgeschichte zweier Paare, die ohne­einander nicht können.

Lichtenberger: Natürlich, das Geheimnis des Erfolgs liegt bei „Witwe“ und „Kate“ in dem, was man nicht sieht. Dadurch kann auch jeder Zuschauer seine Träume hineinbringen. Indem wir nicht alles zeigen, werden wir Animateure für die Fantasie des Zuschauers.

Nelsen: Genau. In diesem Sinne – ab zur Probe!

„Kiss me, Kate“ in Zahlen

386 Vorstellungenvon „Kiss me, Kate“ gab es seit der österreichischen ­Erstaufführung 1956 an der Wiener Volksoper.

7 Jahre nach der Uraufführung fand die österreichische ­Erst­aufführung statt, die Marcel Prawy initiiert hatte.

5 verschiedene Inszenierungen gab es an der Volksoper seit der österreichischen Erstaufführung, darunter solche von Heinz Marecek und Robert Herzl. Jene von Bernd Mottl wird nun wiederaufgenommen.

Zu den Personen

Alexandre Beuchat übernimmt in „Die lustige Witwe“ die Rolle des Lebemanns Danilo. Der Schweizer hat diese Partie bereits in der Vorsaison gesungen.

Ursula Pfitzner verkörpert die Lilli Vanessi in „Kiss me, Kate“, die in einer Aufführung von Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ Katharina (Kate) mimt. Die Wienerin war auch schon als Hanna in „Die lustige Witwe“ zu sehen.

Rebecca Nelsen gibt in der Wiederaufnahme der ­„Lustigen Witwe“ ihre erste Hanna Glawari; für die US-amerikanische Sopranistin ein ganz besonderes Debüt.

Andreas Lichtenberger spielt den Fred in „Kiss me, Kate“, wo seine ­Inszenierung von Shakespeares Stück ein Theater auf der Theaterbühne ist – mit dem Deutschen als Petruchio.

Termine: „Kiss me, Kate“ in der Volksoper

Termine: „Die lustige Witwe“ in der Volksoper