Definitiv tanzbar: Die Workshops bei ImPulsTanz

Was die Sportart Ultimate Frisbee mit Tanz zu tun hat? Und welcher Workshop im heurigen Jahr die allererste Buchung war? Wir haben uns mit Rio Rutzinger, dem Leiter der ImPulsTanz-Workshops, zu einem Gespräch getroffen.

von Sarah Wetzlmayr, 20. Juli 2021

Definitiv tanzbar: Die Workshops bei ImPulsTanz
Rio Rutzinger leitet das Workshop- und Research-Programm bei ImPulsTanz. Foto: Kat Reynolds

Wie hat sich der Stellenwert der Workshop-Schiene seit der Gründung des Festivals entwickelt?

Kaum jemand weiß, dass ImPulsTanz ursprünglich als Workshop-Festival gegründet wurde. 1984 fanden, von Karl Regensburger und Ismael Ivo organisiert, auf der Schmelz die ersten Workshops statt. In den vier Jahren danach blieb es bei dieser Ausrichtung. Das veränderte sich erst durch eine Geste von George Tabori, der mit Ismael Ivo befreundet war und damals das Theater Der Kreis, das heutige Schauspielhaus Wien, leitete. Er hat Ismael gefragt, ob er während der Sommerpause dort etwas aufführen möchte. So entstand das erste Performance-Festival im Rahmen von ImPulsTanz mit damals insgesamt 17 Aufführungen.

Gab es dann eine Verschiebung in Richtung Performance?

Lange Zeit haben die Workshops den vergleichsweise größeren Teil ausgemacht. Durch Choreograf:innen wie Mary Overlie und Susanne Linke bekam das Festival plötzlich auch international einen anderen Stellenwert und auch Profis fühlten sich angesprochen. Ich würde sagen, dass Workshops und Performances lange Zeit parallel gewachsen sind und es dann zu einer Verschiebung in Richtung Performance gekommen ist. Obwohl es die Workshops immer gegeben hat. Dass nun die Workshops wieder aufholen, hat meiner Meinung nach viel mit einem anderen Körperbewusstsein in der Gesellschaft zu tun. Um es auf den Punkt zu bringen: Yoga und Pilates sind keine Fremdworte mehr (lacht). Natürlich ist der Aufschwung aber auch auf die international gut vernetzten und bekannten Unterrichtenden wie auch auf eine gute Pressearbeit zurückzuführen.

Die Workshops von Joe Alegado gehören seit Beginn des Festivals zu den am meisten gebuchten. Foto: Karolina Miernik

Die Bedeutung der Community bei ImPulsTanz

Inwiefern geht es bei ImPulsTanz auch um die Gemeinschaft?

Viele Teilnehmer:innen die einmal bei uns waren, kommen immer wieder zu den Workshops. Das liegt natürlich an der Qualität der Kurse, aber auch an der Stimmung im Workshop-Zentrum im Arsenal, wo sich pro Woche um die 1000 Teilnehmer:innen tummeln. Es ist schön zu beobachten, dass eine Community entsteht, die auch über die Kurse hinaus Zeit miteinander verbringt. Denn nur die wenigsten machen den Kurs und gehen dann sofort wieder. Viele Leute, die in Wien leben, haben mir schon erzählt, dass sich ImPulsTanz für sie anfühlt wie Urlaub.

Der Großteil eurer Trainer:innen kommt aus dem Ausland. Musstet ihr pandemiebedingt beim Programm Abstriche machen?

Bei den Unterrichtenden läuft vieles über Kooperationen mit den Botschaften und dem Innenministerium. So können wir das ganz gut abfedern. Bei den Teilnehmer:innen spüren wir die Einschränkungen sehr viel stärker. Wir merken vor allem, dass viele Gruppen, die normalerweise aus dem Ausland zum Festival kommen, heuer ausfallen. Unsere internationalen Dozent:innen möchten wir trotzdem holen, denn es geht auch um die Begegnung untereinander. Außerdem wollen wir unser Profil als internationales Festival behalten und jobtechnisch eine gewisse Kontinuität sicherstellen. Das ist vor allem in dieser Zeit sehr wichtig.

„Es geht nicht um eine Staatsopernkarriere, sondern darum, Dinge auszuprobieren.“

Rio Rutzinger

Das Workshop-Programm des ImPulsTanz Festivals zeichnet aus, dass es für alle Menschen, unabhängig von Erfahrung, Körperform und Alter offen ist. War das von Anfang an ein Grundpfeiler?

Die Workshops waren immer offen für Anfänger:innen, gleichzeitig haben wir versucht auch Profis anzusprechen. Mit der Zeit wurde es immer offener, was uns auch sehr wichtig war. Schließlich ermöglicht gerade der zeitgenössische Tanz eine unglaubliche Freiheit. Deshalb ist es mir auch wichtig, Unterrichtende hier zu haben, die darauf achten, dass alle Freude daran haben. Es geht nicht um eine Staatsopernkarriere, sondern darum, Dinge auszuprobieren.

Das Workshop-Zentrum im Arsenal. Foto: Kat Reynolds

Kommunikation und Troubleshooting

Einige Dozent:innen sind schon sehr lange dabei, aber es kommen immer wieder auch neue dazu. Wie geht ihr bei der Auswahl vor?

Wir bekommen viele Bewerbungen. Aber natürlich spielen auch Begegnungen und Empfehlungen eine Rolle. Darüber hinaus gehen wir auch neuen Richtungen und Tanzstilen nach. Ich habe mir beispielsweise in den 00er Jahren Clowning und Crumping angesehen, dachte mir dann aber, dass sich das nicht wirklich hierher übersetzen lässt, weil es eine Methode ist, die sehr eng mit einem bestimmten Stadtteil verbunden ist und sich aus einer Wut und Armut nährt. Ich fände es obszön, das nach Wien zu holen.

Als aber beispielsweise Pole Dancing aufkam, habe ich mir angeschaut, wer das so unterrichtet, dass es dabei eher um die Technik als um den erotischen Anteil geht. Ohne die Sexyness ganz davon abzuscheiden, denn die gehört zur Ästhetik dieses Tanzes einfach dazu. Mit Conny Aitzetmueller habe ich dann eine Trainerin gefunden, die gut zu uns passt. Außerdem war es mir wichtig, dass alle Menschen, die Lust darauf haben, mitmachen können. Da braucht man dann auch Leute, die damit umgehen können, denn das kann für manche Trainer:innen durchaus eine Herausforderung sein.

Was sind deine Aufgaben während des Festivals?

Kommunizieren (lacht). Montags beginnt bei uns immer eine neue Woche und alle Dinge, die man bis zu diesem Tag nicht durchgeplant hat, können schiefgehen. Von da an kann man nur noch probieren, den Schaden zu begrenzen. Während des Festivals verbringe ich den Großteil der Zeit im Workshop-Zentrum im Arsenal und betreibe dort Troubleshooting. Aber ich spreche auch viel mit den Unterrichtenden und den Teilnehmer:innen, versuche zu vermitteln. Ich glaube, dass unsere Präsenz vor Ort auch für die Atmosphäre wichtig ist, weil dadurch vermittelt wird, dass wir hier gemeinsam an etwas arbeiten.

Workshop mit Conny Aitzetmüller. Foto: Mathias Kniepeiss

Aufeinander zugehen

Welcher Workshop war heuer die allererste Buchung?

Tatsächlich haben wir im Team jedes Jahr eine Wette laufen, wer die erste Buchung sein könnte. Wobei das bei ungefähr 190 Workshops immer ein Ratespiel ist. Heuer war es Anna Biczók, eine junge Ungarin, die niemand von uns kannte. Ihr Workshop heißt „Waxing Gibbous Moon Embodiment Party“. Darunter konnte sich von uns zunächst niemand etwas vorstellen (lacht).  

Passiert es, dass Tanz als weitere Spielart des ständigen Selbstoptimierungsdrangs missverstanden wird?

Das ist ganz sicher so. Ein schon etwas älteres Beispiel: Bevor wir begonnen haben, Yoga ins Programm zu nehmen, habe ich mich in diese Richtung sehr viel umgesehen. Yoga war damals noch viel näher an Religiosität dran, wurde nicht so sehr als Übung verstanden. Deshalb haben wir uns mit dieser Entscheidung viel Zeit gelassen. Tendenzen, die in Richtung Fanatismus gehen, haben bei uns keinen Platz. Denn damit geht immer auch eine gewisse Art von Ausschluss einher. Wir möchten aber, dass die Menschen aufeinander zugehen und Interesse bzw. Neugier im Vordergrund stehen. Wenn ich von Fanatismus spreche, gehört da natürlich auch ein auf den eigenen Körper bezogener Fanatismus dazu. Da liegt es dann an den Lehrer:innen, diese Menschen auf eine anderen Weg zu bringen.

Gibt es auch Kurse für Kinder und Jugendliche?

Mit „Shake the Break“ haben wir in Kooperation mit dem Dschungel Wien auch eine Programmschiene für Kinder und Jugendliche. Man kann gut beobachten, dass es in der Choreografieszene immer mehr Angebote für Kinder und Jugendliche gibt, die über klassischen Ballettunterricht hinausgehen. Vor allem in Belgien und Holland ist zeitgenössischer Tanz für Kinder schon sehr viel etablierter.

Warum ist das so wichtig?

Ich versuche es über einen kleinen Umweg zu erklären. Ich habe lange Ultimate Frisbee gespielt, das ist ein Mannschaftssport mit sieben Spieler:innen pro Team. Das Besondere daran ist, dass es keinen Schiedsrichter gibt. Das Spiel basiert also auf Fair Play und es gibt dadurch keine absichtlichen Fouls. Ich möchte Fußball nicht abschaffen, finde aber, dass Kinder auch lernen sollten, dass es noch etwas anderes gibt. Und dass es wichtig ist, Eigenverantwortung für Fehler zu übernehmen und man sie nicht verstecken oder überspielen muss. Auch Kindertanz sollte nicht nur Ballett und damit eine rigide Methode des Auswendiglernens einer Technik sein, sondern auch Ausdruck von Freude und kreatives Spiel. Zeitgenössischer Tanz bringt all diese Möglichkeiten mit.

Rund um die Workshops entsteht schnell ein Gemeinschaftsgefühl. Foto: Emilia Milewska

Zur Person: Rio Rutzinger

Rio Rutzinger, 1969 in Ried im Innkreis geboren, brach sein Wirtschaftsstudium ab und arbeitete als Veloce-Fahrer und spielte Ultimate Frisbee. Seit 1991 ist er bei ImPulsTanz, zu Beginn in der Organisation, seit 1998 als künstlerischer Leiter des Workshop- und Research-Programms.

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